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Von Krankheiten und Seuchen

Aktualisiert am 24. Juli 2008 von Ali

Dies ist das internistische Kapitel. Es beschäftigt sich mit Krankheiten vom Schnupfen bis zur Seuche und mit Heilmitteln vom Krötendung bis zum Antibiotikum. Hier geht es also nicht um Wunden und akute Verletzungen, sondern um die Arbeit der Person, die man heute als Arzt für Innere Medizin bezeichnet. Die erste Arztschule hatte seinerzeit Hippokrates gegründet, immerhin 400 v. Chr.. Der Internist war früher sehr theoretisch, sehr mystisch und sehr wissenschaftlich (nun, äh, was man früher so wissenschaftlich nannte) orientiert. Auch heute ist die Arbeit eines Internisten bei weitem nicht so handwerklich wie die beispielsweise eines Chirurgen. Heute läuft der Internistenberuf so, dass man grob gesagt aufgrund der Symptome feststellt, welche Medikamente, Nahrungsmittel und Verhaltensregeln man in einen Patienten reinstopft und dann abwartet, was passiert. Geht es dem Patienten besser, ist es gut, wenn nicht, versucht man es halt mit anderen Medikamenten, Nahrungsmitteln und Verhaltensregeln. Das klingt jetzt alles so, als habe der Anonyme Christ keinen Respekt vor Internisten, doch das stimmt nicht. Im Gegensatz zu früher hat man nämlich heutzutage eine ganze Menge Ahnung, was wirklich chemisch im Körper passiert. Damals musste man raten, und da reines Raten die Glaubwürdigkeit des Ärztestandes beeinträchtigt hätte, versuchte man es mit einer Kombination aus Raten und Astronomie, Religion und Mystik. Das klang schön kompliziert und nahm sowohl dem Medikus als auch dem Patienten ein bisschen das Gefühl der Hilflosigkeit, das man hat, wenn man gar keinen Ansatz hat. Mediki waren studierte Leute im Mittelalter, doch hatten sie von allen anderen oben genannten Themen mehr Ahnung als vom eigentlichen Objekt ihrer Bemühungen, nämlich vom menschlichen Körper.

Im Mittelalter Europas war der Internist wie eine Art Alchimist mit der Überzeugung, dass der Mensch zu je einem Viertel aus Feuer, Wasser, Erde und Luft bestand und krank wurde, wenn das Gleichgewicht zwischen den vier Elementen ins Wanken kam. Dieses Modell stammte von Aristoteles und wurde von Galen und von Avicenna, bedeutenden Mediki des Mittelalters, erfolgreich propagiert. Dieser Typus von Mediziner, der Medikus nämlich, und seine Philosophie bestimmte vor allem die Zeit zwischen 1400 und 1650 n. Chr. in Europa. Der berühmte Medikus Paracelsus war ebenfalls ein Mediziner, doch eher an der reinen Alchimie interessiert, wo er wiederum mit anderen Elementen (Schwefel, Salz und Quecksilber) hantierte und sie auf teils obskure Weise theoretisch-philolophisch mit Aristoteles’ Elementen verband. Er verbrannte die Werke Galens und Avicennas öffentlich, was ein bisschen darauf hindeutet, dass er differenter Meinung mit jenen Herren war. Von Paracelsus stammt auch die Theorie, es gebe Elementargeister wie Gnome (Erde), Sylphen (Luft), Undinen (Wasser) und Salamander (Feuer). Allerdings dürfte die Bedeutung dieser Geister nicht so groß gewesen sein, wie die Bücher zunächst vermuten ließen, denn es steht zwar in vielen Dokumenten etwas über Elementargeister, aber fast alle sind reine Fachbücher für Alchimisten. Wenn überhaupt daran geglaubt wurde, dann opferte man hier und da ein Schälchen Mehl für die Geister der Luft, einen Krapfen, den man in das Feuer warf, etwas Brot, welches man ins Wasser gab oder ein paar Kekse, die man vergrub - nach dem Motto “Kann nicht schaden.”

Nun gab es die Lehre von den vier Elementen in der Form nur in Europa. Die Lehre von den vier Elementen hatte jedoch auch außerhalb der Medizin in anderen Gegenden und in anderen „Wissenschaften“ wie zum Beispiel der Geomantie durchaus Bedeutung. Diese Art der – nennen wir es, wie es ist - Magie wurde in Arabien und Ägypten gepflegt. Die Elementlehre generell war also weit verbreitet. Der aufmerksame Leser dieser Website Slash ergänzte beispielsweise Folgendes: „In China und Japan waren es je nach Kult bis zu acht Elemente, beispielsweise im Sinto und im Taoismus: Feuer, Wasser, Luft, Boden (Erde, Metall), Leben (Geist, Beweglichkeit), Tod, Ordnung und Entropie. Diese Elemente waren so im Kreis angeordnet, dass sie ihr jeweiliges Gegenstück gegenüber hatten und dass ihre Nachbarn die ihnen ähnlichsten Elemente waren. Wenn man nun mit magischen Ritualen die einzelnen Elemente miteinander verband, konnte man dieses Gleichgewicht aus den Angeln heben. Ein Ornament mit sieben Elementen oder mit fünf konnte bestimmte magische Mechanismen in Bewegung setzen, genau eben entsprechend der Veränderung des Gleichgewichts. Beispiel: Wenn man den Wind dem Boden vorzieht und mit dem Chaos verbindet, vielleicht noch ein bisschen Leben dabei, aber nicht zu viel… dann müsste sich vielleicht ein zerstörerischer Sturm beschwören lassen. Jedes dieser Elemente bekam ein Opfer gebracht, entweder am Kreis selbst oder auf Altären, die im Raum entsprechend angeordnet waren. Durch die Größe der Opfer ließ sich bestimmen, wie mächtig das Element in den Zauber einstrahlte. In diesen Hexenkreis konnte man bestimmte Gegenstände zum Verzaubern legen. Oder man begab sich selbst in jene Mitte. Und wie man zauberte, so wurde auch die Medizin betrieben: Patient in die Mitte, opfern… und sehen, was passiert.“

Aber sehen wir uns einmal an, welche praktischen Auswirkungen diese seltsame Weltsicht mit dem Gleichgewicht von vier Elementen in Europa hatte. Ein Beispiel ist die Sache mit dem Aderlass. Bei einem Aderlass, seinerzeit sehr beliebt, wurde mit einer aus heutiger Sicht absolut unhygienischen riesigen und schmerzhaften Nadel in einen Patienten hinein gestochen und es wurde Blut herausgelassen. Der Grund war, dass man das Element Luft, welches sich nach mittelalterlicher Sicht im Blut manifestierte, in einem Menschen verringern wollte, denn ein Ungleichgewicht des Menschen in Richtung Luft verursachte Krankheiten, Schwitzen, Tobsucht, Konzentrationsschwäche und so weiter. Äh, nicht zu vergessen: Aderlässe halfen natürlich ganz nebenbei auch gegen zu hohen Blutdruck, meinte man im Mittelalter. Aderlasse wurden sehr häufig praktiziert und hatten nicht selten tödliche Folgen.

Das Element Wasser wiederum manifestierte sich im Auswurf, im Schleim. Dieses ruhige, gelassene, ja faule Element der Alchimie, nämlich das Wasser, verursachte bei zu hoher Konzentration angeblich Müdigkeit und Trägheit.
Bleiben wir ästhetisch und kommen vom Schleim zum Pipi. Urin ist ein ganz besonderer Saft, sagte eine Modebewegung um die zweite Jahrtausendwende nach Christus. Mag sicherlich nicht schlecht sein für experimentierfreudige Öko-Hippies, und ob da etwas dran ist, ist dem Anonymen Christen ziemlich egal, weil er lieber zehn mal hintereinander Highlander 3 sehen würde, als auch nur einmal seine eigene… würg! Spuck!… Der Anonyme Christ hält diese Modeerscheinung eher für schwachsinnig und teilt diese Meinung mit einigen Medizinern seines Bekanntenkreises. Na ja, jedenfalls war Urin im Mittelalter in der Tat ein besonderer Saft, weil er als so genannte gelbe Galle der Sitz des alchemistischen Elements Feuer war, welches wiederum für Aggression und aufbrausendes Wesen stand. Wer also im Mittelalter pinkelte, wurde ruhiger. Zumindest insofern kann der Anonyme Christ die Alchimisten jener Zeit verstehen, denn wie nervös es machen kann, wenn man jenes feurige Element Pipi nicht loswerden kann, hat er im Kino bereits gemacht, was ihm den Genuss von “Herr der Rinder - Die Gefährten” etwas vermieste.
Kommen wir zum letzten Element, dem der Erde. Sie manifestierte sich in der so genannten schwarzen Galle, heute genannt Kacke. Dieses Element repräsentierte im Mittelalter die Melancholie.

Immer wieder argumentierte man mit diesen Elementen, mit feucht und trocken, mit heiß und kalt, mit aufgehend und untergehend, mit allem, was nichts, aber auch garantiert nichts mit Medizin zu tun hatte. Im Grunde hielt man also alle Menschen (na ja, zumindest die heterosexuellen) für wechselwarm. So verwundert es kaum, dass man auch glaubte, dass bei feuchtem, warmen Wetter auch das Blut des Menschen feucht und warm sei: Ein idealer Zeitpunkt zum Beispiel für einen Aderlass. Es gab sogar Lasspläne, also Pläne, auf denen stand, zu welchen Tagen ein Aderlass gut sei und welche Sternenkonstellation eher vermieden werden sollte. Wer sich jetzt fragt, wie trockenes Blut aussieht, sollte sich an einen Vampir wenden, der sich aus seinem früheren Leben noch an trockenen Wein erinnert.

Auch die Lage und Aufgabe der verschiedenen Körperteile war ein Thema, über das abenteuerliche Ansichten kursierten. So hätte ein mittelalterlicher Mensch niemals gesagt, dass er sich von Herzen über etwas freuen konnte, sondern er hätte, wenn überhaupt, gesagt, er freue sich von Leber. Nach mittelalterlichen Erkenntnissen ist nämlich der Sitz der Gefühle die Leber. Darum fragt man ja auch heute noch, ob einem eine Laus über die Leber gelaufen ist, wenn man andeuten will, dass jemand sich aus geringem Anlass die Freude hat verderben lassen. Es gab allerdings eine Ausnahme, was den Sitz der Gefühle angeht, nämlich die Liebe: diese sitzt im Herzen, auch im Mittelalter. Seuftz.

Auch der Mut war keine Sache des Herzens. Ein mutiges Herz hatte im Mittelalter garantiert keiner, höchstens einen mutigen Magen, denn genau dort war – so glaubte man im Mittelalter – der Sitz des Mutes. Das könnte erklären, warum sich der Magen des Anonymen Christen nach zwei oder drei Runden härterer Achterbahnfahrt so seltsam anfühlt.

Auch konnte einem Menschen im Mittelalter nicht vor Ärger die Galle hochgehen, weil der Ärger nach mittelalterlicher Ansicht seinen Ursprung nicht in der Galle hatte, sondern in der Milz. Für den Anonymen Christen hat Ärger seinen Ursprung in Politessen, zumindest manchmal.

Der geneigte Leser wird anhand dieses Aufsatzes sicherlich erkennen können, dass die mittelalterliche Auffassung von Medizin, insbesondere von internistischer Medizin, recht phantasievoll war. Das war nicht immer so gewesen. Was die ollen Ägypter noch an Medizin draufhatten, war bereits zu Zeiten der Griechen auf dem Weg in die Vergessenheit und wurde im finsteren Mittelalter schließlich ganz vergessen, wie die Leser dieser Website Heretic, Lord Finster und Jalidon klarstellten. So konnten die alten Ägypter den Starr behandeln, am offenen Herzen operieren, eine Art Vollnarkose verabreichen und nach einigen Quellen sogar eine Art Bypass legen, wahrscheinlich nicht am Herzen, sondern an anderen Gefäßen. Ein häufig genanntes Beispiel für antike Chirurgie ist nach den Worten des Lesers Wollgras das Schädelöffnen. Bei schweren Kopfverletzungen kommt es gelegentlich zum punktuellen Eindrücken des Schädelknochens. Die Behandlung bestand darin, die Wunde zu erweitern, die Splitter zu entfernen und die Kanten des Knochens abzuschleifen. Wenn die Gehirnhaut nicht beschädigt ist, kann die Therapie erfolgreich sein. Es gibt mindesten einen steinzeitlichen (!) Schädel, dessen Eigentümer offensichtlich einige Jahre vor seinem Tod auf diese Weise behandelt worden ist. Auch die Perser haben schon Schädeldecken geöffnet, und das nicht nur in der Schlacht.
Übrigens gibt es laut Leser Heretic auch eine ganz simple Erklärung für diese erstaunlichen Fähigkeiten der Ägypter. Im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen war es in Ägypten nicht nur nicht verboten, Leichen aufzuschneiden, sondern es war sogar üblich. Und beim Mumifizieren lernt man eben eine Menge über Anatomie, und das kann man dann praktisch anwenden. Aber warum vergaß man das alles im frühen Mittelalter? Nun, im gesamten Mittelalter und je nach Region bis zur Aufklärung bestand ein absolutes Verbot, die Anatomie als wissenschaftliches Hilfsmittel oder Forschungsobjekt anzusehen, zu nutzen und zu erforschen. Klar, dass mal wieder die Kirche es war, die diese Verbote propagierte. Anatomie sei Gottes Werk, so hieß es, und man solle Gottes Werk nicht erforschen, sondern hinnehmen. Diese Einstellung legte über Jahrhunderte alles lahm, was Fortschritt hätte werden können. Man diskutierte alchimistisch-medizinisch-wissenschaftlich über den Körper des Menschen, die Elemente und Temperamente, ohne auch nur einmal nachzusehen, ob es wirklich stimmte, was man phantasierte. Die wenigen, die es wagten, eine Leiche zu öffnen, riskierten ihr Leben. Der Leser dieser Website Jalidon nennt als Beispiel den berühmten Leonardo da Vinci. Dieser hat sich ja nun über einige Dinge Gedanken gemacht, die seiner Zeit weit voraus waren (U-Boot, Panzer, Fluggleiter usw.) und widersetzte sich den Befehlen der Kirche. Er machte heimlich anatomische Entdeckungen und Untersuchungen an Leichen. Na ja, die Kirche fand das angeblich heraus und seine ganzen Untersuchungen wurden eingesammelt, in eine Kiste gesteckt und irgendwo versteckt. Erst Jahrhunderte später bekam die Öffentlichkeit Zugriff darauf. Das Resultat ist heute natürlich überholt, aber wenn diese Entdeckungen früher herausgebracht worden wären, dann hätte man viele Jahre gewonnen.
Der große Anatomie-Kenner der Geschichte ist aber der belgische Arzt Vesalius, der viele Untersuchungen macht und dessen Werke und Person von Traditionalisten und natürlich der Kirche torpediert wurden. Seine Bücher aus dem Jahre 1543 n. Chr. haben sich aber dennoch durchgesetzt, ebenso wie Harveys Ansicht, dass das Blut im Körper zirkuliere. Auch diese 1628 n. Chr. geäußerte Ansicht führte zu argen Beschimpfungen und Herausforderungen.
Der menschliche Körper als Überraschungs-Ei ist allerdings noch lange nicht ausgestorben, denn zahlreiche selbsternannte Heilkundige und Scharlatane locken selbst heute viele Patienten mit viel Geld an, indem sie von Energieströmen, kinesiologischen Vorgängen und sogar den alten Elementen und Temperamenten sprechen, ohne auch nur den kleinsten Beweis für die Existenz ihrer Wissenschaft zu haben. Es mag sein, dass bei bestimmten Krankheiten - vor allem psychischen Leiden - mit dubiosen Praktiken Erfolge erzielt werden können, aber das Besprechen eines entzündeten Blinddarms oder die Behandlung von AIDS mit Akupunktur hält zum Beispiel der Leser dieser Website Heretic nicht nur für Schwachsinn, sondern schlicht für Mord. Immerhin siebzig Prozent der Deutschen glauben an alternative Heilverfahren, und es ist exakt so lange sinnvoll, wie es sich um passende Diagnosen handelt oder aber Schulmedizin und Heilkunde sich sinnvoll ergänzen können, aber wie der Kabarettist Dieter Nuhr richtig sagt: “Nach einem Auffahrunfall mit Wirbelbrüchen brauche ich nicht unbedingt eine Bachblütentherapie.” Übrigens ist es ebenso ein weit verbreiteter Irrtum, dass Naturheilverfahren harmlos sind. Wenn ein Kinesiologe mit einer sechstägigen Ausbildung einem am Schädel herumdrückt oder man Kräuter konsumiert, deren Nebenwirkungen selbst der Heilpraktiker nicht kennt, ist dies gefährlich. Nicht umsonst haben die österreichischen Behörden vor einiger Zeit den Eltern eines krebskranken Mädchens die Erziehungsberechtigung entzogen, um die Kleine endlich zu einem richtigen Arzt geben zu können. Sie wurde sofort operiert und überlebte, obwohl der Krebs - vom Heilpraktiker sinnlos konserviert – inzwischen so groß wie ein Football geworden war. Aber zum Thema Anatomie zurück, denn der geneigte Leser möchte nun bestimmt wissen, wann denn das Auseinanderschrauben von Leichen nun erlaubt wurde. Im damaligen deutschen Raum war das 1318 n. Chr. der Fall, zehn Jahre vorher schon in Venedig. Dennoch war selbst der moralische Imperativ der Kirche so stark, dass es noch weitere hundert Jahre dauern sollte, bis nördlich der Alpen die erste Leiche geöffnet wurde. Bereits 1300 n. Chr. hatten sich medizinische Fakultäten gegründet wie die in Padua, Oxford, Palermo oder in Paris, wo man für die Interessen der Wissenschaft eintrat.
Dementsprechend ohnmächtig stand man den großen Seuchen gegenüber, die immer wieder die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte erschütterten. Wie gut ein Volk eine Seuche übersteht, hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Seuche selbst. Die Ernährung und die Hygiene sind dabei absolut entscheidend, insbesondere aber auch die Frage, ob das Volk bereits Gelegenheit hatte, Immunstoffe gegen eine Krankheit zu bilden, denn was bei einem Volk eine harmlose Grippe ist, kann ein anderes Volk im Extremfall ausrotten. In Afrika sind ganze Stämme an der Schweinepest oder der herkömmlichen Grippe gestorben, als sie zum ersten Mal mit Weißen in Berührung kamen, und die Pocken und andere Krankheiten waren den spanischen Conquistadores fast wirksamere Waffen gegen Maya, Azteken und Inka als ihre Schwerter. Übrigens ist die berühmte antike Inkastadt Machu Pichu wahrscheinlich seinerzeit durch Pocken entvölkert worden. Als die Briten im 18. Jahrhundert in Australien siedeln wollten, säbelten sie erstmal gute 20.000 Aboriginies nieder, sozusagen als Begrüßungspräsent, doch auch hier leisteten vor allem Infektionskrankheiten einen gehorsamen Dienst. Die Briten haben es inzwischen geschafft, die Kultur der Aboriginies komplett zu zerstören, herzlichen Glückwunsch.

Als Mutter aller Seuchen gilt natürlich die allseits beliebte Pest. Nun sollte man aber nicht glauben, dass die große Pest-Epidemie im 14. Jahrhundert die erste in Europa war. Jene von 1348 bis 1352 n. Chr. war zwar die größte Pestepidemie in Europa, aber nicht die erste. Sie war 1347 n. Chr. in Kaffa in Asien und wurde dann über verschiedene Handelsstädte, vor allem über Genua, in ganz Europa verbreitet. Schon 527 bis 565 n. Chr. und 740 bis 750 n. Chr. gab es ähnliche Epidemien, doch keine war so schlimm wie diese Dritte. Auch die ollen Römer hatten bereits mit der Pest zu kämpfen. Extrem wahrscheinlich ist es, dass es bereits vorher Pestepidemien gab, auch in Europa. Die Bibel (Jesaja u. a.) berichtet öfter mal von der Pest, allerdings nicht besonders präzise, es ist daher nicht auszuschließen, dass auch eine Seuche generell gemeint ist. Natürlich wird der Ausdruck der Pest in der Bibel vor allem benutzt, um damit all jenen Völkern zu drohen, die nicht nach dem Gesetz des Herrn und so weiter und so fort… Etwas neutraler berichtete dann auch Plinius der Jüngere, welcher in Pompeji lebte, kurz, bevor dieses dem Vesuv zum Opfer fiel. Man kann also annehmen, dass die Pest schon mal öfter grassierte, muss aber auf der anderen Seite wissen, dass eben nicht jede in zeitgenössischer Literatur als Pest bezeichnete Krankheit auch unbedingt die Pest war, wie die Leser dieser Website Heretic und Stormeye ergänzten. Auf Lateinisch heißt „Seuche“ ohnehin „Pestis“, wie der Leser FloG erklärte. Das Ganze gilt natürlich nicht nur für frühere Seuchen, sondern auch heute. Viele Viren, die wie zum Beispiel Ebola hunderte Menschen töteten, wären früher einfach nicht als eigene Viren mit eigenem Krankheitsbild identifiziert worden. So hat man beim Hantaan-Virus herausgefunden, dass es schon mehrere Epidemien mit Toten gegeben hatte, die wahrscheinlich auf denselben Virus zurückgingen, aber damals als “hohes Fieber mit Blutungen” verzeichnet worden waren, ohne dass man einen Unterschied zu ähnlichen Krankheiten bemerkte. Auch BSE, SARS, das Marburg-Virus, das Sabia-Virus und die Vogelgrippe mögen vielleicht schon mal irgendwo aufgetreten sein, ohne dass man es wusste.

Die Pest wird nun bekanntlich durch Tröpfcheninfektion und Flöhe übertragen, aber das wusste man seinerzeit zu Zeiten der großen Epidemie noch nicht so wirklich. Nach mittelalterlicher Auffassung gehörten zur Pest Verursacher wie zum Beispiel der Umgang mit Hexen oder das Beschlafen alter Damen, ja sogar das Reden über Sex. Das Würfelspiel und das Tragen von spitzen Schuhen war unmoralisch und somit pestfördernd. Olivenöl… ganz gefährlich. Und Fliegen (die Insekten, nicht die Fortbewegung). Und der Gang ins Theater. Das galt eine Zeitlang ebenfalls als unmoralisch und aufrührerisch, aber in der Tat war die Wahrscheinlichkeit, sich im vollbesetzten Theater mit der Pest anzustecken, recht groß. Man sieht hieran deutlich die Philosophie, dass jede Scheiße, die einem passierte, sofern sie nicht anders erklärbar war, als Strafe Gottes gesehen wurde. Nicht umsonst nennt man ja die Pest auch die Geißel Gottes. Fast fortschrittlich war da ja schon die Vermutung, dass die Pest gemäß der Viersäftetheorie ein Verfaulen von Herz und Lunge durch Pesthauch war, also durch schlechte Luft.

Drastisch wie die Angst der Menschen waren auch die Maßnahmen, die man traf: Man mauerte zum Beispiel die Eingangstür des Hauses zu, in dem ein Pestkranker war, und zwar erst dann, wenn man sicher war, dass auch alle, die mit ihm in engem regelmäßigen Kontakt gestanden hatten, sich in dem Haus befanden. Durch ein Fenster reichte man Essen, befördert durch einen Boten der Stadt. Auch Tote wurden durch dieses Fenster hinaus befördert, auf einen so genannten Rabenkarren, also einer Schubkarre, mit der man die Leichen zu einem Platz weit außerhalb der Stadt brachte. Die Kleider der Toten wurden verbrannt. Ansammlungen aller Art waren verboten außer Bittprozessionen. Man hatte sich beim Verlassen des Hauses auf das Nötigste zu beschränken. Wanderer aus Pestgebieten kamen nirgendwo unter, 1374 n. Chr. wurde in Mailand (übrigens erfolgreich) die erste regelrechte Quarantäne durchgeführt, also ein völliges Abschneiden von der Außenwelt, und das war damals schlimm, denn Internet, Fernsehen, Telefon und andere Unterhaltungsmittel gab es damals nicht. Und man räucherte während der Pestepidemien auf Feuerwehr komm raus, vor allem mit Schwefel, Rosmarin, Ambra, Mastix und ähnlichem Zeugs. Die meisten dieser Sachen haben ja auch durchaus einen mittelmäßig angenehmen Eigengeruch, aber Schwefel? Na ja, vielleicht wollte man sich schon mal an die Gerüche gewöhnen, die einen so in der Hölle erwarteten. Außerdem lässt sich das Krepieren besser ertragen, wenn man high ist.

Auch die Ärzte versuchten natürlich, sich selbst vor dieser schrecklichen Krankheit zu schützen. Die berühmten skurrilen Pestmasken waren ein Mittel dazu. Außerdem entwickelte man lange Instrumente, mit denen die Ärzte Pestbeulen aus zwei Metern Entfernung aufstachen. Oft musste der Patient während der Anwesenheit des Arztes einen in Essig getränkten Schwamm im Mund behalten, außerdem musste der Kranke die Augen geschlossen halten und war fast komplett in ein Betttuch gehüllt, und zwar während der gesamten Untersuchung.

Die Hilflosigkeit der Mediziner führte auch dazu, dass man auf mystische Mittel zurückgriff, zum Beispiel Unzucht mit einer Greisin. Oder man setzte einen gerupften Hahn oder eine getrocknete Kröte mit dem After auf eine Pestbeule und erhoffte sich so Heilung. Das Trinken von Rübensaft, das Durchstechen der Hoden, das Bad in Ziegenpisse, das Auflegen von Gedärmen eines Welpen, das Saufen von Menstruationsblut, all dies waren beliebte, aber wenig probate Heilmittel. Das wohl blödeste Heilmittel war der Verzehr von Pestbeulen anderer Pestkranker. Man atmete den Dampf von Plumpsklos ein, rauchte bis zum Umfallen, nahm Brechmittel oder Einläufe und kotzte sich die halbe Lunge aus dem Leib oder schiss sich den halben Darm aus dem Hintern, fackelte Duftstoffe an und ließ zur Ader. Einzig das Schröpfen war sinnvoll, wurden dadurch doch die kaputten Lymphknoten nach außen geöffnet statt nach innen.

Seuchen wie die Pest schafften es sogar, die heiligen Sakramente der Kirche ein bisschen aufzuweichen, denn wenn die Pest in der Stadt wütete, war der Priester ein verdammt ausgelasteter Mann. Darum musste er entlastet werden, vorzugsweise dadurch, dass auch Laien die Beichte abnehmen durften. Interessant wurde es, wenn zwei präfinale (kurz vor dem Tod stehende) Pestkranke sich gegenseitig die Beichte abnahmen, weil sie dann wahrscheinlich wie die Spatzen aufeinander eingeredet haben, aus Angst, sie würden es nicht mehr schaffen, all ihre Fehltritte aufzuzählen, bevor der Schnitter ihnen den Lebensfaden kappte. Einige versuchten es auch mit der Selbstgeißelung, ein Anblick, der bei der ohnehin psychisch angespannten Situation in einer verseuchten Stadt nicht gerade zur Hebung der allgemeinen Laune beitrug, sondern nur in erheblichem Maße zur Verbreitung der Krankheit.

Übrigens war es den Kirchenleuten von Seiten der Stadtväter meistens verboten, die Totenglocke während der Pestzeiten zu benutzen, weil sonst das 24/7-Glockengeläute selbst die ruhigeren Gemüter zur Weißglut gebimmelt hätte.

Zusätzlich war verheerend, dass viele die Pest als Strafe Gottes sahen und den Mut verloren. Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr, Handwerker füllten sich mit Alkohol ab, es kam in mehreren Städten zu Mord und Todschlag in einer Anarchie der Hoffnungslosigkeit, die stark an heutige Endzeitfilme erinnert. Es ist zu vermuten, dass nicht nur die Pest selbst es war, die Opfer forderte, sondern auch die soziale und wirtschaftliche Katastrophe, die damit verbunden war.

Was aber ist denn die Pest nun wirklich? Es gibt da zwei Pesten… Peste?… Pests?… Wie auch immer: Da gibt es die Beulenpest einerseits und die Lungenpest andererseits. Beulenpest sieht nicht toll aus, aber ist nicht die eigentlich tödliche Form des schwarzen Todes. Leider können sich aber aus der Beulenpest eine so genannte Sepsis einerseits und die Lungenpest andererseits entwickeln, wie der Leser dieser Website FloG näher erläuterte. Bei der Beulenpest entstehen, wer hätte es gedacht, große Beulen in den Bereichen der Lymphknoten und –gefäße. Diese Beulen platzen aber im Normalfall nach einiger Zeit, womit die Krankheit fast gegessen ist. Ein Problem bei der Beulenpest ist aber, dass sie eben oft nicht einfach nur Beulenpest bleibt, sondern der Erreger in der Mehrzahl der Fälle auch auf das Blut übertragen wird. Das passiert, wenn die Beulen nach innen platzen; eine Gefahr, die übrigens auch heute noch beispielsweise bei Hämorrhoiden vorhanden ist. Die daraus resultierende Pestsepsis, eine starke Blutvergiftung, wird nahezu immer tödlich enden, da eben nicht nur die Lymphknoten, sondern auch andere Organe im gesamten Körper befallen werden. Selbst heute sind Medikamente gegen Sepsis extrem teuer und wirken nur, wenn sie schnell genug eingesetzt werden. Eine andere Richtung, in die sich die Beulenpest entwickeln kann, ist die Lungenpest. Hier setzen sich die Bakterien dann in der Lunge fest und wollen da so partout nicht mehr heraus. Der Infizierte stirbt bei der Lungepest nahezu immer.

Nun sollte man meinen, dass die Pest immer extrem gefährlich ist. Es gibt jedoch eine Ausnahmen, wie der Leser dieser Website FloG freundlicherweise hinzufügte, nämlich die abortive Pest. Diese ist kaum schlimmer als ein grippaler Infekt, endet folglich quasi nie tödlich und hat den Vorteil, dass man nach überstandener Krankheit erst einmal eine Zeitlang immun gegen Pest ist, da sich Antikörper bilden.

Warum aber die Pest nach vielen Pestjahren in einzelnen Gegenden und Städten 1655 n. Chr. so plötzlich aus Deutschland und 1722 n. Chr. aus Europa verschwand, weiß eigentlich niemand so richtig. Einige Wissenschaftler meinten, die Wanderratte habe die Hausratte immer mehr verdrängt. Beide Viecher tragen manchmal verpestete Flöhe mit sich, doch ist die Wanderratte scheuer und kommt daher nicht so sehr in Berührung mit den Menschen. Eine andere Theorie spricht von einer Mutation der Pestviren in eine weniger aggressive Variante.

Nach der Pest gab es kaum noch Leute, die das erforschen konnten, denn in manchen Städten wie beispielsweise Lübeck lebte nur noch ein Prozent der Bevölkerung. Viele Dörfer waren komplett ausgerottet. Selbst Paris verlor die Hälfte seiner Einwohner. In Pisa und Wien gingen während der Epidemie 500 Leute täglich an die Pest verloren, in Paris gar 800. Insgesamt raffte die Pest 20 oder 30 Millionen Leute dahin, das ist ein Drittel oder mehr der europäischen Bevölkerung, (wenn auch hierzu verschiedene Schätzungen bestehen, die sich teils sehr unterscheiden). Damit ist die Pest annähernd so gefährlich wie House-Musik.

Das führt uns zu einem weiteren Fehlschluss, nämlich dem, dass die Pest heutzutage in modernen Gegenden nicht mehr ernsthaft gefährlich werden kann. Zwar ist heutzutage die Pest keine echte Herausforderung mehr für die Medizin, denn einige Antibiotika helfen hier recht gut, und auch die Hygiene hat sich selbst in Ballungsräumen derart verbessert, dass eine Pestepidemie unwahrscheinlich erscheint, doch hat diese Hygiene auch eine Kehrseite. Viel Hygiene bedeutet nämlich weniger Ratten. Weniger Ratten bedeuten weniger Wirte für die pestverseuchten Flöhe, und das wiederum bedeutet, dass die Flöhe schneller alternative Wirte suchen müssen, zum Beispiel den Menschen. Nur so eine Überlegung, die einen nicht wirklich nervös machen sollte, aber klar macht, dass eine Krankheit nie wirklich aussterben kann, denn immerhin registrierte man zwischen 1978 und 1992 n. Chr. noch fast 15.000 Pest-Fälle, davon endeten zehn Prozent bei Flügelchen, Wolke, Harfe und Halleluja-Singen, und im Jahr darauf gab es sogar mal eine Mini-Epidemie in Indien, derer man aber schnell Herr wurde.
Nun hat der Anonyme Christ ja oben über die Blödheit der Idee hergezogen, als Gegenmittel gegen die Pest Pestbeulen zu essen. Damit hat er auch recht, aber der Leser dieser Website Bargl erwähnte eine dem sehr verwandte Maßnahme, die durchaus Sinn machte, nämlich den Verzehr getrockneter Pockennarben. Bei der Trocknung sterben die Pockenviren. Die Einnahme des daraus gewonnenen Pulvers kann unter Umständen einen ähnlichen Effekt wie eine Impfung herbeiführen, so eingesetzt im 15. Jahrhundert n. Chr. von den Türken und Chinesen. Die erste regelrechte Impfung gegen Pocken verabreichte der Arzt Timon übrigens Kindern bereits im Jahre 1730 n. Chr.
Übrigens: Auch gegen Cholera kann man sich impfen lassen. Das Dumme ist nur, dass die Impfung nicht lange vorhält und recht heftige Nebenwirkungen haben kann. Wer jedoch zum Beispiel als Arzt in ein Gebiet mit ausgebrochener Cholera reist, sollte nicht an der Impfung sparen, denn nur drei von zehn Leuten überleben die Krankheit ohne Behandlung. Nicht umsonst heißt Cholera übersetzt Gallenfluss, denn Fliessen tut es heftig bei den Kranken. Bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichts pro Tag an Wasser zu verlieren, ist eine wirklich tödliche Angelegenheit, von dem Mineralstoffmangel ganz abgesehen, der zu Organversagen, Krämpfen und Koma führt. Seit 1817 n. Chr. gab es sieben große Pandemien von Cholera in Asien, Südamerika und Afrika. Die letzte war 1993 n. Chr. in der Ukraine, und der Anonyme Christ wettet, dass er persönlich die Eingangshalle des Lido in Paris putzen wird, wenn das die letzte Cholera-Epidemie war. Nochmalerweise schätzt man die jährliche Zahl der weltweiten Cholera-Toten auf gute 10.000. Durch moderne Mittel ist aber die Sterblichkeit bei Cholera von dreißig bis fünfzig auf fünf Prozent gesunken. Sehr früh richtig erkannt und behandelt, sind inzwischen sogar nur noch ein Prozent der Cholera-Ausbrüche tödlich, doch muss man schnell genug sein, denn nicht umsonst heißt Cholera in seinem Unsprungsgebiet, dem Gangesgebiet, auch Mordechim - schneller Tod.

Die Mittel gegen Cholera waren früher definitiv einfallsreicher als heute. Aderlässe, Schröpfen, Einreiben mit Quecksilbersalbe, warme Bäder, Genuss und Einreiben von und mit Alkohol, Rizinusöl, Klistiere, Opium, all das war nicht wirkungsvoll, doch gerne genommen, besonders der ATrunkenbold.gif” align=”left” border=”0″>lkohol. Man verstopfte auch den Kranken den Popo mit Wachs, was aber rein gar nichts brachte. Später setzte sich die Infusion von Kochsalzlösung durch, was dann schon eher einen gewissen Ausgleich zum Mineralstoffmangel herstellte, den Cholerakranke haben. Was die ganze Sache zusätzlich erschwerte, war, dass das Cholerabakterium nur im Darm nachweisbar ist und selbst geheilte Leute noch monatelang Cholerabakterien verschleudern können wie ein Rechtsradikaler Unwahrheiten.

Das definitiv beste Mittel gegen Cholera ist übrigens ein guter allgemeiner Gesundheitszustand. Wer gut genährt und gesund ist, hat auch wirksame Magensäure, und diese kann die Bakterien oft knacken. Jedoch sind Menschen, die in Choleragebieten mit ihren schlimmen hygienischen Verhältnissen leben, meist auch unterernährt und somit das gefundene Fressen für die Bakterien. Cholera wird über das Trinkwasser verbreitet, darum sind gerade Elendsviertel oder Flüchtlingslager Paläste für Cholera und auch andere feine Krankheiten.

Auch Meeresfrüchte enthalten oft die Bakterien dazu, gerade hier hat sich in letzter Zeit eine neue Variante des Bakteriums gezeigt.

Die kreativste Art, sich mit Cholera zu infizieren, lieferten uns die Amerikaner im amerikanischen Bürgerkrieg. Sie packten ihren Proviant in Mumienwickeln aus Museen ein und verseuchten dadurch prompt ihr Essen durch Cholerabakterien, die offensichtlich durchaus im Stande sind, sich derart lange zu halten.

Eine andere wichtige durch Wasser übertragene Seuche ist die Legionärskrankheit. Der Irrtum hierzu ist nahe liegend: Die Legionärskrankheit kommt, wie der Name schon sagt, bei Soldaten häufig vor. Ok, mit sehr viel Wohlwollen und einem zugedrückten Auge kann man das gelten lassen, wenn man will. Da Wohlwollen dem Anonymen Christen aber unbekannt ist, muss er natürlich auch hier wieder seinen Senf beisteuern. Die Legionärskrankheit ist eine Seuche, die durch Legionellen verbreitet wird, die in nicht zu heißem Wasser vorkommen können und glücklicherweise recht empfindlich auf Antibiotika reagieren. Hat sich der Leser schon einmal gefragt, warum das Wasser aus den Heiß-Wasser-Leistungen in Krankenhäusern so schweinisch heiß ist? Nun, wenn es heiß ist, haben Legionellen darin keine Chance. Man schätzt nämlich, dass 2.000 Leute jährlich in Deutschland an der Legionärskrankheit sterben. Die Krankheit verhält sich zunächst wie eine Lungenentzündung, darum wird sie oft nicht erkannt. Zumindest ist sie nicht ansteckend und man muss schon verdammt viele Legionellen einatmen, um zu erkranken, außerdem bedeuten Legionellen im Wasser noch lange nicht, dass das Wasser gefährlich ist, denn von vierzehn Arten – so genannten Serumgruppen – verursacht nur eine diese tödliche Krankheit. Und warum heißt sie nun Legionärskrankheit? Ganz einfach, 1976 n. Chr. erkrankten 182 Ex-Legionäre nach einem Veteranentreffen in Philadelphia an der Legionärskrankheit, weil die Erreger der Seuche durch die Klimaanlage des Tagungshotels fein säuberlich unter ihnen verteilt wurden. Zwar ist die Krankheit schon älter als die Menschheit, aber erst 1976 n. Chr. wurde sie entdeckt.

Eine weitere große Seuche ist sicherlich Lepra, und wer sich nun fragt, warum der Anonyme Christ „ist“ und nicht „war“ schreibt, sollte folgendes wissen: Noch heute registriert man jährlich 600.000 Leprakranke in fast 80 Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas. Man behandelt mit Kombinationspräparaten von Antibiotika. Wie auch immer, man hat berechtigte Hoffnung darauf, mit neuen Medikamenten die Krankheit komplett ausrotten zu können, doch sind nicht Medikamente die Schwierigkeit, die sich hier entgegenstellt, sondern die schlechte Informationspolitik und Infrastruktur einiger Staaten.

Im Mittelalter war man davon überzeugt, dass Lepra einer Überproduktion von schwarzer Galle, einem der vier Säfte im Körper nach der Lehre mittelalterlicher Medizin, zu verdanken ist und die Milz, sonst wie jeder weiß, der Hauptabsorbierer schwarzer Galle, mit dieser Überproduktion nicht mehr zurechtkam. Schlecht durchlüftete Wohnungen und kalte oder warme Luftströmungen können so einen Überschuss hervorrufen, ebenso wie falsche Ernährung mit scharfen, trockenen oder zu feuchten Speisen, Fleisch von Schwein, Esel, Bär und bestimmten Fischsorten, außerdem Schnecken und all jene Hülsenfrüchte, die heutzutage als pupsfördernd gelten. Vor allem aber Sündhaftigkeit, denn Lepra ist nach mittelalterlicher Auffassung eine Strafe Gottes. Was nicht viele Leser überraschen wird.

Nun erzählt man ja, Lepra führe zum Verfaulen des Körpers. Verfaulen ist aber ein extrem ungenaues und eigentlich ein falsches Wort für die Vorgänge, die einem Leprakranken das Leben schwer machen, und vor allem gilt diese Klischee-Beschreibung ohnehin nur für die so genannten tuberkulösen Lepra-Patienten, deren schwaches Immunsystem der Krankheit nicht viel entgegenzusetzen hat. Die meisten Leute erkranken nur an der lepromatösen Lepra, die sich nur durch einen einzelnen Hautfleck äußert, der kein Gefühl hat. Doch die früher natürlich viel verbreitetere tuberkulöse Lepra führt dazu, dass bestimmte Zellen - die Schwannschen Zellen, die die Nervenzellen ernähren - ihren Geist aufgeben und Entzündungen produzieren, und zwar zunächst in der Haut, später überall. Diese Entzündungen und die mangelnde Zellernährung führen dann zu dem typischen deformierten Aussehen der Leprakranken und einem Anschwellen willkürlich verteilter Körperstellen. Die Stimme eines tuberkulösen Leprakranken wird rau, seine Augen und die Adern treten hervor, rote, dann schwarze, später blassere unregelmäßige Punkte sind auf einem solchen Kranken zu sehen, Die Haut wird hier und da etwas ölig, wenn Wundwasser und Eiter austreten. Das Gefühl verschwindet an den betreffenden Stellen, was vor allem insofern schlimm ist, als die Leprakranken im Endstadium oft auch erblinden und dann nicht einmal mehr ihren Tastsinn haben.

Übrigens: Die Inkubationszeit von der Infektion mit Lepra bis zum Ausbruch von Lepra kann gute vierzig Jahre betragen (!).

Man stand als Leprakranker insbesondere früher nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern außerhalb selbiger. Man war sogar tot. Äh. Nun, dieser Satz ist erklärungsbedürftig: Zur Freude der Nekromanten und Gothics wurde der mittelalterliche Leprakranke als eine Art Dead Man Walking angesehen, als ein wandelnder Toter, zu gut Undeutsch also als Untoter. Dementsprechend wurde auch für einen Mitbürger, der sich als leprös herausstellte, eine offizielle Totenmesse gelesen, und zwar in seiner Anwesenheit. Das muss ein etwas komisches Gefühl gewesen sein für den, äh, sagen wir mal, Verstorbenen, wenn seine Verwandten um ihn weinten, vor allem, wenn er in ein Leichentuch gehüllt wurde und in einen Sarg gelegt wurde. Die drei Schaufeln Erde, die sodann symbolisch auf den Half-Life-Helden geschaufelt wurden, waren da nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. verzichtete man auf die Totenmesse und das symbolische Begraben des körperlich Anwesenden und las lediglich eine feierliche Messe.

Sodann geleitete man den Grenzwertigen zu seinem neuen Haus außerhalb der Stadt. Wer als Leprakranker sein Dasein fristete, musste ein weißes Kreuz an seinem Haus anbringen, damit man schon von weitem gewarnt war. Dieses Haus und seine Einrichtung waren sogar von der Stadt finanziert, jedoch alles andere als üppig ausgestattet; immerhin wurde die Ausstattung nach dem Tod des Kranken verbrannt. Eine Alternative zum eigenen Häuschen war ein so genanntes Leprosorium, eine Art Wartehalle zum Aufenthalt bis zum endgültigen Lepratod. In solchen Leprakrankenhäusern gab es feste Regeln und Ordnungen, die festgeschriebene Gebete, Schlafzeiten, Hilfe bei der Instandhaltung des Hauses, Badezeiten und Kleidungsvorschriften enthielten.

Dort tat der Leprakranke das, was seiner Gesundheit nach früherer Auffassung zuträglich war. Er badete im Blut von Riesenschildkröten oder Hunden, strich Schwefeltinkturen auf die Haut oder probierte einen Sud aus Essig, Wein und Kuhfladen. Er aß verschiedene Kräuter, schlürfte vielleicht Schlangensuppe, strich Maulwurfspulver mit Eiweiß auf oder Öl, in dem er einen Maulwurf ersäuft hatte (ohnehin gut für den Teint), ja sogar Jungfrauenblut und Blut von Säuglingen wurde hinter vorgehaltener Hand als Heilmittel gehandelt. Übrigens: Nein, wenn man Lepra hat, fallen einem nicht die Klöten ab. Dafür musste man schon selbst sorgen, immerhin galt auch die Kastration früher als Lepra-Heilmittel.
Nun ist es nicht so, dass Lepröse gar nicht mehr in die Stadt kamen. Auch Leprakranke müssen sich ernähren, Wasser holen etc.. Darum war es den Leprakranken durchaus erlaubt, in die Stadt zu kommen, sofern sie einen eigenen Becher zum Wasserschöpfen mitnahmen und einen Stock, mit dem sie auf Dinge deuteten, die sie kaufen wollten. Berühren durften sie so gut wie nichts. Die Kleider, meist darunter der gruselige Kapuzenmantel, den man so kennt, durfte der Leprakranke allerdings nicht im Fluss waschen. Barfuss durfte er auch nicht gehen. Außerdem durfte ihm kein Barbier die Haare schneiden, und Sex war sowieso nicht, Heirat erst recht nicht. Gasthöfe, öffentliche Badehäuser, Marktplätze, Versammlungen und dergleichen waren den Leprakranken untersagt. Natürlich auch die Kirche. Ohnehin durfte er nur mit jemandem reden, wenn er sich gegen den Wind gestellt hatte, damit er den anderen nicht ansteckte. Essen in anderer als aussetziger Gesellschaft war nicht erlaubt. Trotz der Erlaubnis, eine Stadt zu betreten (welche es in manchen Städten nur viermal im Jahr gab), konnte man nicht gerade von einem gemütlichen Einkaufsbummel reden, wenn ein Lepröser Besorgungen machte, denn die Leprakranken waren verhasst und gefürchtet. Verschwörungstheorien und Besessenheitsgerüchte machten die Runde, und nur der Henker war unwürdig genug, mit den Kranken zu reden. Zwar wagte man es nicht, Leprakranke anzugreifen – der Ansteckungsgefahr wegen, aber auch wegen des Gebotes der Nächstenliebe -, aber man mied sie derart, dass selbst Leute, bei denen sich herausgestellt hatte, dass sie gar nicht krank waren, nie wirklich rehabilitiert waren. Und das, obwohl der Befund offiziell bekannt gemacht wurde und der Nicht-Kranke sogar denjenigen anzeigen konnte, der ihn der Lepra bezichtigt hatte.

Man stellt sich nun Leprakranke im Mittelalter immer mit einer Glocke vor, mit der sie ihr Kommen ankündigten. Die Vorstellung ist aber nicht richtig und rührt daher, dass gesunde Ehrenamtliche manchmal mit Schellen herumgingen und Spenden für die Leprakranken sammelten. Wahrscheinlich ist es, dass Leprakranke eine Klapper trugen. Ein Leprakranker ohne Klapper musste das charakteristische “Unrein!” rufen, bevor er sich näherte. Der Anonyme Christ schlägt vor, diese Sitte wiederzubeleben und Rechtsradikale zu verpflichten, sich mit “Hirnlos!” laut anzukündigen.
Ähnlich wie Lepröse wurden Syphiliskranke behandelt. Die Syphilis war eine ab dem 15. Jahrhundert n. Chr. sehr verbreitete Krankheit, die tödlich endete. Sie war, wie der Leser dieser Website Seegras anmerkte, ein Import aus der neuen Welt. Man steckte die Kranken in Blatternhäuser, Krankenhäuser also, in denen man die Syphilis-Patienten mit Quecksilber und seltener mit Guajakholz behandelte. Zunächst waren diese Häuser nur für Pockenpatienten reserviert gewesen, daher der Name Blatternhaus, denn Blattern ist eine alte Bezeichnung für Pocken oder aber eine bestimmte Ausprägung solcher. 1496 n. Chr: zählte man schon gute 200 Syphilis-Patienten im Straßburger Blatternhaus. Während die Lepra in ihrer Gefährlichkeit überschätzt wurde, wurde die Syphilis unterschätzt, denn sie verläuft weniger dramatisch, was aber ihrer Tödlichkeit keinen Abbruch tut.

Weil übrigens Syphilis eine peinliche Krankheit war, bei der man immer mehr den korrekten Verdacht bekam, dass sie mit Sex zu tun hatte, umschrieb man diese Krankheit mit vielen anderen Bezeichnungen, was so manch unkundigen Medizinamateur beirren kann. So nannte man die Syphilis oft nach Regionen oder Ländern, die möglichst weit weg oder möglichst feindlich waren. Darum hieß die Syphilis je nach Gebiet auch französische Pocken, neapolitanische oder italienische Krankheit, deutsche Krankheit, polnische Krankheit, holländische Krankheit und portugiesische Krankheit. Auf diese Weise bezichtigten sich die Völker sozusagen untereinander der Urheberschaft der Syphilis. In London nannte man die Syphilis auch die Covent-Garden-Krankheit, weil die Schwulen und Huren von London sich gerne in den Covent Gardens aufhielten und natürlich besonders syphilisverdächtig waren. Treffender war der überall gebräuchliche Name “Lustkrankheit”… keine Angst, liebe Abstinenzler, der Name ist irreführend: Von Lust alleine bekommt man noch keine Syphilis. Also schön weiter artig bleiben, gell?

Nun wird man sich fragen, ob denn das gemeine Volk derart unzüchtig war, dass sich die Syphilis so schnell verbreiten konnte. Doch es war etwas anderes, was die Verbreitung so begünstigte: Syphilis- und Tripperkranke hat man nämlich zum Schwitzen im Mittelalter ins Badehaus gesteckt. Syphilis, Tripper und Badehaus ist aber eine ansteckungstechnisch wirklich üble Kombination. Darüber hinaus ist es so, dass gerade Syphilis erst sehr spät als solche erkannt wurde und man bis dahin bei entsprechender Lebensweise so manchen anstecken konnte, insbesondere, wenn man aus beruflichen Gründen vögelte (Gemeint ist in dem Fall nicht die Medienbranche, sondern die Prostitution.)

Wenn man aber betrachtet, welche Seuche die heute am weitesten Verbreitete ist, so kommt man auf das Thema Tuberkulose. Fragt man jemanden, wie viele Prozent der Menschheit von Tuberkulose angesteckt sind, so kommen meist Zahlen im Bereich von einem Prozent oder zwei heraus. Aber weit gefehlt: Rund ein Drittel der Menschheit ist tuberkolosekrank! Mehr Opfer als AIDS oder Malaria fordert in der dritten Welt die Tuberkulose, rund 3.000.000 Menschen im Jahr geben ihren Löffel durch diese Tb oder auch Tbc abgekürzte Krankheit ab. Selbst in der Jungsteinzeit, wo es noch gar keine Löffel gab, wütete schon die Tuberkulose, wie Funde in Skeletten nachwiesen. Tb nennt man auch Phtitis, Schwindsucht, Auszehrung oder weiße Pest, und nur bei einem von zehn Infizierten bricht die Krankheit auch aus, zunächst durch Mattheit, Reizhusten, leichtes Fieber, Appetitlosigkeit, später Erbrechen, eine Lungenentzündung, dann oft durch eine Hirnhautentzündung, doch im Grunde kann jedes Organ das erste sein. Bluthusten, Kopfschmerzen, und tschüß. Zumindest gilt das für zehn Prozent. Einen genauen Nachweis kann man nur durch einen Bluttest führen, dessen Ergebnisse erst nach sechs bis acht Wochen vorliegen. Antibiotika helfen hier, aber nur, wenn sie nach Plan durchgenommen werden, sonst kann einem passieren, dass man in sich multiresistente Keime heranzüchtet, gegen die dann kaum noch ein Kraut gewachsen ist. Christian Morgenstern oder Franz Kafka starben an Tuberkulose, die übrigens, weil sie oft mit Mattheit und Blässe einhergeht, als die Krankheit der Romantiker und sensiblen Künstler beschrieben wird.

Nun ist Tuberkulose zwar die verbreitetste Seuche, aber nicht die, die heutzutage die meisten Todesfälle verursacht. Dafür gibt es nämlich die Malaria. Mala Aria heißt schlechte Luft, denn dort, wo feuchte, heiße Gebiete sind, sind auch die weiblichen Anopheles-Mücken, die die Malaria übertragen. Im Laufe der Weltgeschichte war Australien die einzige Ausnahme, dort scheint es Malaria nicht zu geben. Alle drei oder vier Tage kommt es bei Malaria zu Schüttelkrämpfen, wie einer Alexander den Großen 323 n. Chr. platt gemacht hat. Diese Entstehen dadurch, das der Erreger sich in Leberzellen festsetzt und dann erst einmal viele Kampfgenossen produziert. Erst, wenn diese Kampfgenossen dann alle auf einmal frei brechen, kommt es zu den Krämpfen, 42 Grad Fieber, Schmerzen und Schüttelfrost, weil zu diesem Zeitpunkt der Körper mit Tausenden von neuen Erregern gleichzeitig überschwemmt wird. Diese Abwechslung zwischen Ruhephase und Schüttelkrampf-Phase gab der Malaria ihren zweiten Namen - Wechselfieber. Leider werden die Parasiten immer resistenter, das macht den Wissenschaftlern Probleme. Wie der Leser dieser Website Stormeye bemerkt, können hier auch Antibiotika nicht helfen, denn gegen Parasiten sind diese Medikamente machtlos. 2.400.000.000 Menschen leben in Malariagebieten in über hundert Ländern. In Tansania wird man normalerweise etwa dreihundert Mal im Jahr von der Anopheles-Mücke gestochen, die diese Parasiten überträgt. 200.000 Leute infizieren sich jährlich, bis zu 2.000.000 Leute sterben pro Jahr an der Mutter aller Fieber, davon dreihundert von 8.000 malaria-infizierten deutschen Touristen, denen Thailand wegen der AIDS-Gefahr zu riskant war.

Im Jahre 1963 n. Chr. machte man allerdings einen Fehler, der zigtausende Menschenleben kostete, indem man das Pestizid DDT verbot - aus Umweltgründen, weil man Leben retten wollte. Doch der Schuss ging nach hinten los: Die Anopheles-Mücken verbreiteten sich nach 1963 n. Chr. derart rasant, dass die Zahl der Malariafälle drastisch anstieg und allerspätestens 1968 n. Chr. von einer Epidemie gesprochen werden musste. Erst 1994 n. Chr. wurde DDT wieder erlaubt, mit Sondergenehmigung und nur in Malariagebieten. Wie Stormeye schrieb, starben nach einer Schätzung an Malaria in der Summe mehr Menschen als an der Pest und in allen Kriegen. Es gibt übrigens Tabletten gegen Malaria, doch der Wirksamkeitsgrad solcher Tabletten liegt bei gerade mal fünfzig Prozent, und das ist verdammt wenig. Besser ist es, dafür zu sorgen, dass man Mosquitos erst gar nicht begegnet. Mosquitonetz oder Plane und ein Rastplatz weit weg vom nächsten abgestandenen Wasser sind da schon mal gute Ideen.

Man sieht: Antibiotika helfen oft, nämlich meist dann, wenn es sich um bakterielle Krankheiten handelt, aber sie helfen nicht immer. Es gibt sogar ein paar Krankheiten, gegen die es gar keine Medikamente gibt, und insbesondere unter den Seuchen ist so eine, nämlich das Gelbfieber. Die Symptome kann man mildern, ja, doch ansonsten gilt eigentlich immer noch das, was man schon 1793 n. Chr. bei der Gelbfieber-Epidemie in Philadelphia sagte: Wer die Sonne des 10. Tages erblickt, ist gerettet. Und der Rest? Nun, wer früher stirbt, ist länger tot. Man sollte halt versuchen, sich impfen zu lassen, denn die Impfung ist sehr wirksam. Zumindest sollte man keine Bekanntschaft mit der in Äquatornähe lebenden weiblichen Mücke Aedes aegypti und ihren Verwandten pflegen. Die Symptome sind Übelkeit, Bluterbrechen, Darmblutungen, Schäden der inneren Organe, Gelbsucht durch Nierenversagen, und irgendwann kommt halt Herzversagen. 1495 n. Chr. soll die Krankheit unter Kolumbus’ Leuten gewütet haben, heute gilt Nigeria als Gelbfieber-Land Nummer Eins, doch die globale Erwärmung wird dem Gelbfieber Tür und Tor öffnen. Zum Glück überträgt sich der Virus nicht von Mensch zu Mensch, doch wer infiziert ist, hat eine Fifty-Fifty-Chance wie beim Roulette. Sind die inneren Organe angegriffen, sollte man entweder jetzt zu einem Glauben konvertieren, von dem man sich ein gutes Leben nach dem Tode verspricht, oder nie.
Kommen wir zu einer sehr gefährlichen modernen Seuche, nämlich AIDS. Der verbreitete Irrtum hier: AIDS ist eine Krankheit mit bestimmten Symptomen. Genau das ist sie nämlich nicht, zumindest nicht notwendigerweise. AIDS ist eine Immunschwäche, die durch das HIV-Virus erzeugt wird. Damit bringt also nicht AIDS selbst die Symptome der Krankheit, sondern es setzt lediglich den Infizierten nach einigen Wochen bis zehn Jahren immer schutzloser anderen Krankheiten aus, denn ein Immunsystem, dass am Boden liegt, kann sich nicht mehr gegen Tuberkulose oder Gelbfieber wehren. Sogar eine harmlose Grippe, eine Kinderkrankheit oder ein kleiner Hautschnitt durch eine unsaubere Scherbe kann tödlich enden. AIDS überträgt man durch Blut, Sperma, Scheidensekret, Tränen und all die anderen Dinge, die einen Rollenspieler so begeistern (Liebe Eltern, das war nur ein Scherz, bitte nicht ernst nehmen). Jedenfalls ist AIDS in Thailand und Afrika am weitesten verbreitet. Medikamente gegen AIDS gibt es, doch schaffen sie alle nur kurze Erleichterung, nie Heilung. Impfstoffe sind unbekannt.

Um den Reigen der irgendwie berühmten Seuchen vollzumachen, erwähnt der Anonyme Christ nun noch die zwei großen Seefahrerkrankheiten (außer Fernweh, Heimweh…), nämlich Beriberi und Skorbut, wohl wissend, dass es sich nicht um ansteckende Seuchen in dem Sinne handelt. Christian Eijkman entdeckte, dass wohl Vitamin-B1-Mangel an Beriberi schuld sein müsse, und kassierte 1929 n. Chr. dafür sogar den Nobelpreis. Er empfahl Vollkornreis statt weißem Reis und schien somit das Beriberi-Problem gelöst zu haben. Er fuhr allerdings nicht zur Verleihung des Preises hin, da er, so sein Schüler Prof. Oomen, irgendwie die Vermutung hatte, dass er falsch lag. Und in der Tat entdeckte man, dass in China schon Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. Beriberi detailliert beschrieben wurde, zu einer Zeit, in der nur Vollkornreis gegessen wurde, was daran lag, dass es zum Polieren des Reises (also zur Erzeugung von weißem Reis) noch gar keine Mühlen gab. In Wirklichkeit ist ein Schimmelpilz, der das Nervengift Citreoviridin absondert, der Bösewicht. Vitamin B1 hilft zwar gegen die Symptome von Beriberi, jedoch verbesserte sich die Lage eher durch verbesserte hygienische Verhältnisse und nicht durch Vollkornreis. Asiaten essen fast ausschließlich weißen Reis, jedoch erkrankt man dort kaum noch an Beriberi. Für die Sammler menschlicher Qualen noch die Liste der Symptome von Beriberi: Auszehrung, Wasser in den Gliedern, Verstopfung oder Durchfall, Lähmungen, Herzanfälle, hier und da Exitus nach einigen Tagen. Mahlzeit!
Im Vergleich dazu sehen wir uns einmal die Skorbut an, die der Leser dieser Website Khamul beschrieben hat. Skorbut wird vor allem durch Vitamin-C-Mangel hervorgerufen. Da frisches Obst und Gemüse auf Fernreiseschiffen nicht zu haben waren, wenn man nicht gerade irgendwo anlegen und welches besorgen konnte, grassierte die Skorbut oft unter Seefahrern. Skorbut führt zu Brüchigkeit der Blutgefäße und somit zu allgemeinen inneren Blutungen, zum Ausfallen der Zähne und Zahnfleischentzündungen, zu stark verzögerter Wundheilung und zu Störung des Knochenwachstums, sofern der Seefahrer noch so jung ist, dass er noch im Wachstum ist, was früher oft der Fall war.
Auch das Antoniusfieber, auf das der Anonyme Christ nun eingehen wird, ist keine echte Seuche, nahm aber gerade zu Zeiten schlechter Ernte Ausmaße an, die durchaus an Seuchen gemahnten. Die Ursache dieses Fiebers ist Mutterkorn. Das ist zunächst einmal ein großes, schwarzes Korn an einer Roggenähre; im Grunde recht auffällig. Fällt dieses Korn irgendwann ab, verteilt es seine Sporen in die Ähren und somit in die Nahrung. Der Roggen wächst kaum noch, aber wichtiger ist, dass nun die Krankheit, die vom Mutterkorn herrührt, durch den Roggen auf den Menschen übergeht. Dieses so genannte Antoniusfieber äußert sich in zwei komplett unterschiedlichen Krankheitsbildern, von denen das brandige zum Verlust von Extremitäten führte und noch die freundlichere Variante der Krankheit war. Die andere ist die krampfartige, die oft noch am Tag des Verzehrs zu Krampfanfällen, Muskelschmerzen, Müdigkeit und Herzstörungen führt und innerhalb eines Tages tödlich sein dürfte. Diese Variante war vor allem in Deutschland verbreitet und geißelte die Menschen bei Missernten umso mehr. Die brandige Variante konnte man durchaus überleben, jedoch ist die Vorstellung, dass man seine Krankenschwester herbeiwinken will und einem stattdessen die Hand abfliegt, irgendwie gewöhnungsbedürftig (für die Rollenspieler unter uns: Probe auf geistige Stabilität plus 40 Prozent). Noch 1943 bis 1947 n. Chr. starben in Russland 5.000 Leute durch solche Getreidepilze, von denen einige 30.000mal giftiger sind als übliche Pflanzenschutzmittel. Übrigens ist Mutterkorn bis heute die Kernsubstanz der Droge LSD. Daher gab man Mutterkorn auch angeblichen Hexen, um Geständnisse aus ihnen herauszulocken.
Damit sind wir mit den großen Seuchen und ähnlichem durch. Es sollten jedoch zwei wichtige gefährliche Krankheiten nicht unerwähnt bleiben, die heutzutage in Deutschland bezüglich der Todesfälle die Plätze eins und zwei einnehmen, nämlich die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Zum Krebs gibt es einen verbreiteten Irrtum, der aufgrund des Wortes „krebserregend“ nahe liegt und den der Anonyme Christ einmal richtig stellen möchte. Es gibt nämlich keine Stoffe, die unmittelbar Krebs erregen. Endzeitrollenspieler und Dioxinbadefreunde, Acrylamid-Esser und Strahlengeschädigte, die nun aufatmen, weil der Anonyme Christ sagt, dass es gar keine krebserregenden Stoffe gibt, freuen sich zu früh. Was der Anonyme Christ meint, ist, dass ein Erreger im medizinischen Sinn bei Krebs nicht bekannt ist. Im Grunde ist Krebs eine genetische Veränderung einer Zelle, bei der mehrere Schutzmechanismen des Körpers versagt haben. In jeder Zelle befindet sich unheimlich viel Erbinformation, die nicht gebraucht wird und inaktiv ist. Neben der üblichen und aktiven Information: “Reproduziere Dich alle paar Tage einmal” steht da auch die inaktive Information “Reproduziere Dich so lange, bis Du auf anderes Gewebe stößt” und die noch brisantere inaktive Information “Reproduziere Dich um jeden Preis.”. Eine genetische Veränderung einer einzelnen Zelle kann nun mit ein bisschen Pech dazu führen, dass eine der beiden oben genannten inaktiven Informationen aktiviert wird. Plakativ und sicherlich etwas undifferenziert kann man sagen, dass erstere Fehlinformation, sofern aktiviert, zu einem gutartigen (benignen) Krebs führt, während die Aktivierung letzterer Information zu bösartigem (malignem) Krebs führt, weil die Zelle ja ihre fehlerhafte Programmierung an jede neue Zelle weitergibt und umliegenden Zellen bei der eigenen Reproduktion den Saft abdreht. Nun passieren solche Veränderungen im menschlichen Körper täglich, ohne dass er Krebs bekommt. Grund: Das Abwehrsystem reagiert auf Zellen mit fehlerhafter Erbinformation und macht sie platt. Außerdem hat jede Zelle so eine Art Selbstdiagnosesystem, welches ihr sagt “Wenn irgendwas schief läuft, verdaue Dich selbst.” Erst, wenn diese Information innerhalb der Zelle auch kaputt ist und das Abwehrsystem aus irgendeinem Grunde entweder überlastet ist oder die Zelle die fehlerhafte Reproduktionsinformation zufällig versteckt, kommt es zum Krebs. Das ist auf die einzelne Zelle gesehen wahnsinnig unwahrscheinlich, aber da der Mensch nun mal unglaublich viele dieser Zellen hat, ist es dann doch wieder sehr wahrscheinlich, dass man Krebs bekommt. So. Äh, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Erreger im medizinischen Sinne also wie Viren oder Bakterien oder Pilze sind krebserregende Stoffe in der Regel nicht; sie erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit von genetischen Veränderungen innerhalb der Zellen und somit die Möglichkeit, dass gefährliche Veränderungen stattfinden. Darum wäre die richtigere Bezeichnung nicht „krebserregend“, sondern „krebsbegünstigend“. Die Mehrzahl jener Veränderungen ist harmlos, aber es reicht zum Beispiel ein Tausendstel Milligramm Plutonium, um die Krebswahrscheinlichkeit auf Hundert Prozent zu schrauben. Der Anonyme Christ rät daher, vor Einnahme von Plutonium einen Facharzt aufzusuchen.
Seit einiger Zeit stimmt allerdings das oben Beschriebene nur noch eingeschränkt, wie der Leser dieser Website Bargl richtig bemerkte. Inzwischen ist nämlich bekannt, dass es durchaus vireninduzierte Krebserkrankungen gibt, also durch Viren herbeigeführte Mutationen, die eine Krebserkrankung herbeiführen können. Ein Beispiel dafür ist der Gebärmutterhalskrebs, gegen den man sich sogar impfen lassen kann – und sollte.
Noch eine kleine Anmerkung zum Thema natürlicher und synthetischer Stoffe, die potentiell krebsbegünstigend sind: Man sollte nicht glauben, dass synthetische Stoffe ein größeres Gefährdungspotential beinhalten als natürliche. Zwar lassen sich vermutlich natürliche Stoffe schneller abbauen, sind aber bezüglich ihrer Wirkung in aller Regel bei weitem schlechter erforscht als künstliche Stoffe. Eine US-Studie wies nach, dass von 52 getesteten pflanzeneigenen, also natürlichen, Abwehrstoffen 27 krebsbegünstigend sind. Normalerweise nimmt ein Industriestaatenbewohner täglich 1,5g natürliche Pestizide zu sich, was recht genau dem 10.000fachen der Menge entspricht, die das Gesetz an synthetischen Pestiziden erlaubt. Beispiel: Kaffee. Von tausend chemischen Verbindungen in jenem Gesöff wurden bis 2000 n. Chr. gerade mal 26 komplett erforscht (dabei wurden mehr als die Hälfte übrigens als krebsbegünstigend eingestuft).
Doch kommen wir von den großen Seuchen zu den eher üblichen und verbreiteten, aber nicht so grassierenden Krankheiten. Ein großes Problem im Mittelalter waren natürlich Parasiten. Wurmbefall war viel häufiger als heute. Doch man rückte den Würmern mit Asche und Ruß zu Leibe. Das half angeblich aber nur, wenn der Ruß aus einem Schornstein stammte und die Asche von einer Schuhsohle. Oder einem Kuhfladen. Gedörrte Regenwürmer waren auch ein gutes Heilmittel, und natürlich das obligatorische Pipi. Wohlverstanden: Alles oben genannte wurde nicht aufgetragen, sondern eingenommen. So auch das harmloseste Rezept, eine Kräutermischung, die ein paar Mönche entworfen hatten. Na also, endlich mal ein paar ernsthafte Mediziner, die nichts mit Magie zu tun hatten. Übrigens: Die Kräuter mussten am Donnerstag bei Monduntergang gepflückt werden ;o).
Eine weitere Art von Parasiten sind Blutegel. Doch Vorsicht, wer glaubt, dass man diese Dinger so schnell wie möglich abreißen sollte, irrt. Diese unangenehmen Egel sollte man nur dann abstreifen, wenn sie sich noch nicht festgesaugt haben. Haben sie das schon, so sollte man es mit Zitronensaft oder Nikotin versuchen. Auftragen, nicht rauchen. Hat man weder Nikotin noch Zitronensaft, so schiebe man den Fingernagel langsam, aber kräftig über die Haut zu dem Ende des Blutegels, welches das Maul ist. Man beachte, dass dies in der Regel nicht das dicke, sondern das schmale Ende des Egels ist. So streife man ihn dann ab. Er wird nunmehr versuchen, sich sofort wieder neu festzusaugen, doch ein bisschen Zeit verbleibt einem schon, welche man dazu nutzen sollte, dem Viech den Garaus zu machen. Ein heftiges Reißen oder Zerquetschen eines saugenden Egels führt dazu, dass der Egel seinen Mageninhalt in die Wunde entleert, was nicht unbedingt toll ist, auch, wenn Egel weitaus weniger Krankheiten verbreiten als so manch anderes Tier.
Der Leser wird vielleicht bemerkt haben, dass einige der Therapien im Mittelalter eher ungewöhnlich erscheinen, und so seien an dieser Stelle weitere Beispiel genannt. Gegen Mumps hilft beispielsweise das dreimalige Umrunden eines Hauses in Eselsgeschirr. Weiß doch jeder. Na ja, zumindest im Mittelalter. Tja, es gibt halt viele Wege, sich lächerlich zu machen.

Ein anderes Beispiel für eher unorthodoxe Heilmethoden ist die Therapie von Flechten im Mittelalter. Wird ein Flechtenkranker von einem Fremden unvermittelt angespuckt, so heilt die Flechte schneller. Sagte man zumindest im Mittelalter. Ein beliebter Flechtenleidender in einer Stadt mit liebenswürdiger Bevölkerung war dementsprechend wahrscheinlich schon nach dem kurzen Gang zum Marktplatz tropfnass.

Auch recht feucht ist das Heilmittel gegen Gelbsucht. Man musste in eine ausgehöhlte Rübe pissen und diese dann zum Trocknen in die Sonne hängen. Mehr musste man im Mittelalter nicht machen, um von einer Gelbsucht geheilt zu werden. Tja, ob das so einfach ist?

Oder die handelsübliche Erkältung: Ist man erkältet, muss man ins Bett und dort ordentlich schwitzen, sagt man heute. Das ist korrekt und auch im Mittelalter Usus, insofern lag man da auch früher gar nicht so falsch. Weniger üblich ist heute das damals bekannte abendliche dreimalige Riechen an den Socken, die man selbst getragen hatte. Der Anonyme Christ kann ja nur von sich auf andere schließen und sagen: Tu’s nicht, es wird Dich töten!

Gegen Fieber, oft ja Begleiterscheinung einer Erkältung, durchstach man im Mittelalter einer schwarzen Katze ein Ohr, um das Blut daraus auf einem Stück Brot zu essen. Das half. Na ja, oder auch nicht.

Doch nicht nur vorübergehende Krankheiten und Gesundheitsbeeinträchtigungen, sondern auch chronische Leiden waren unseren Vorfahren wohlbekannt. Beispielsweise sei die Gicht genannt, und natürlich wusste man auch damals schon genau, was dagegen zu tun war. Im Mittelalter half gegen Gicht auf jeden Fall ein Heilpflaster aus Honig, Rosmarin und Ziegenscheiße. Auch konnte man einen Raben fangen, ihn nach Hause tragen und dort in einem neuen Topf kochen, ohne dass er den Boden berührte. Der Kochrabe wurde dann gegessen oder zu Salbe verarbeitet. Heute hilft das komischerweise nicht mehr. Auch die Gründe für Gicht waren früher genauestens bekannt, so schrieb Sir Thomas Sydenham: “Die Gicht sucht zumeist jene alten Männer heim, die sich Zeit ihres Lebens so manches Bankett mit Wein und anderen Spirituosen gegönnt haben; irgendwann befällt sie jedoch die Trägheit des Alters, und sie stellen jene Übungen ein, die sie als junge Männer zu tun gewohnt waren.” Tja, er musste es ja wissen, litt er doch selbst unter Gicht…

Auch Rheumatismus war bekannt und sicherlich aufgrund schlechterer, kälterer und feuchterer Behausungen sehr verbreitet. Man trug als Rheumakranker in der Renaissance immer drei reife Kastanien in der linken Hosentasche, und schon war der Heilungsprozess unaufhaltsam. Hätte man dieses tolle Rezept nicht in der Moderne vergessen, ginge es wahrscheinlich vielen Rheumakranken erheblich besser.

Auch gegen Fallsucht wusste man sich früher zu helfen. Man brauchte nur dreizehn freundliche Maulwürfe, die man in einen Topf sperrte und schön durchbraten ließ. Waren sie dann knochentrocken, wurden sie zu Pulver zerstoßen, welches man wiederum in Milch auflöste und soff. Das Ganze funktionierte aber nur am Johannistag. Nach einem anderen Rezept (englisch, klar…) musste man einem lebenden Maulwurf die Kehle durchschneiden, auf das sein Blut in ein Weinglas tropfe. Dieses Blut musste der Patient, der nicht über 40 Jahre alt sein durfte, dann bei Voll- und Neumond saufen, sagt die um 1700 n. Chr. in London durchaus anerkannte Heilerin und Buchautorin Hannah Wooley. Na Prost Maulwurf.

Eine weitere kuriose Behandlungsmethode war die, mit dem man das Struma zu heilen versuchte, also einen Kropf am Hals. Im Hochmittelalter war man sich einig, dass es nur ein einziges wirkliches Mittel gegen einen Struma gab, nämlich, dass eine königliche Hand es berührte. Darum nannte man ein Struma auch das Königsübel. Das funktioniert auch heute noch bei Prinz Charles, welcher die Leiden durch Handauflegung in seine Ohren katalysiert. Überhaupt wurde der Berührung durch einen König oder auch nur der Berührung seines Zipfels eine heilbringende Wirkung zugesprochen. Äh, seines Mantelzipfels natürlich. Immerhin galt der König als von Gottes Gnaden eingesetzt, somit also als göttlicher Heilbringer. Nicht jeder König glaubte an seine Kraft in Bezug auf Strumenheilung. So äußerte William III. von England, der sich weigerte, die Strumen seiner Untertanen zu berühren, sich recht klar zu diesem Thema: “Gott möge Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand verleihen.” Tja, wo er Recht hat, hat er Recht. Er war übrigens nicht der Einzige, der etwas gegen diese Sitte hatte. So zog der Brauch mit der Mantelberührung auch Diebe an, die dem Mantel die eine oder andere Troddel abrissen. Der extrem geizige Kaiser Friedrich III. war derart paranoid gegenüber den Mantelzipfelberührern, dass es bei seiner Krönung, als jemand den Mantel berühren wollte, zu einem tödlichen Zwischenfall kam (!).

Keine Krankheit im wirklichen Sinne scheint heutzutage die Kurz- oder Weitsichtigkeit zu sein, und doch ist es im Grunde eine echte Volkskrankheit. Das fällt kaum auf, denn Brillen gehören genauso zum modernen Erscheinungsbild wie Arschgeweihe. Früher aber hatte man bei schlechten Augen andere Rezepte. Statt der Brille trug man gegebenenfalls eine Kordel um den Hals, an der die Augen einer Kröte baumelten. Professioneller war natürlich das Durchstechen des Nackens mit einer glühenden Nadel und das Durchziehen eines Fadens. Nutzte zwar nichts, aber wenn man ein paar hübsche Troddeln dranmachte, war es wenigstens einigermaßen modisch. Allerdings gab es die ersten Augengläser bereits 1268 n. Chr. Der Engländer Roger Bacon erfand sie. Bis sich aber jene enorm schwer herzustellenden Gläser verbreiteten, war das Mittelalter schon vorbei. Wer aber reich und informiert genug war, hatte durchaus die Chance, mit ein bisschen Mühe an eine Brille zu kommen. Sieht man die Knauserigkeit der Krankenversicherungen heutzutage, so wird man bemerken, dass der letzte Satz exakt auf die heutige Zeit übertragbar ist.

Was der Anonyme Christ noch nicht erwähnt hatte, sind all jene Krankheiten, die im weiteren Sinne psychisch sind oder als historischer Sicht als psychisch betrachtet wurden. Der mittelalterliche Arzt war zugleich auch Psychologe. Nicht, dass ihn irgendetwas dazu qualifizierte, aber wenn man sieht, dass heutzutage ein internistischer Facharzt in einer mickrigen Sechswochenfortbildung zum Psychotherapeuten werden kann, während Psychologen dafür jahrelang studieren, so fragt man sich… aber lassen wir das. Also, früher viel alles, was psychisch war, entweder in den Bereich der Besessenheit oder in den Bereich der Strafe Gottes. Man stand Geisteskrankheiten, aber auch psychischen Störungen, Epilepsie und anderen Krankheiten dieser Art im Altertum und Mittelalter im Grunde komplett hilflos gegenüber. Im Altertum bezeichnete man geistige Störungen schlicht als Besessenheit von Teufeln, Dämonen oder Geistern. Dementsprechend hatten die Heilungsmethoden kaum Erfolg. Wer epileptische Anfälle hat, dem nützt eine vom Priester verordnete Nacht in einem Tempel gar nix, und Paranoide werden sicherlich nicht durch die Trepanation, also das Anbohren des Schädels ruhiger. Durch das gesamte Mittelalter zieht sich diese Hilflosigkeit auch, und damals wie heute hatten es hilfreiche neue Theorien nicht gerade einfach. Das kirchengeprägte Weltbild prägte dann auch den Umgang mit Geisteskranken. Sie wurden ausgehungert, geschlagen, verbrannt oder inhaftiert, denn nach dem mittelalterlichen Weltbild waren psychische Krankheiten halt Strafen Gottes für ein sündhaftes Leben. Selbst in der Renaissance wurden Geisteskranke konsequent abgeschoben. Dabei war es nicht Sache des Priesters, darüber zu befinden, ob jemand besessen oder gestraft war, sondern Sache des Arztes. Ärzte wurden oft als Gutachter zu den Inquisitionsgerichten berufen, da es eine einfache und allgemeingültige Regel gab, welche genau klarstellte, wann jemand verhext war und wann nicht: Eine Krankheit, die ein Arzt heilen kann, ist keine Hexerei. Kann er die Krankheit nicht heilen, liegt ein Hexenfluch vor und die Schuldige wird gesucht - und meistens sehr schnell gefunden. Einfach, oder? In der Aufklärung erkannte man dann immer mehr, dass Geisteskrankheit ein Leiden ist und keine Strafe, doch konnte man sich eine Behandlung oft nicht leisten, so dass sich an der jämmerlichen Lage der Geistesgestörten nicht viel änderte, bis Bade- und Schlaftherapien aufkamen, wenn auch immer wieder unterbrochen durch sinnlosen Schwachsinn wie die Drehstuhl-Therapie und ähnliches. Erst mit Sigmund Freud und seinen Derivaten kamen echte Therapien ins Spiel, doch lange Zeit blieb die Ausgrenzung Geisteskranker aus der Gesellschaft bestehen. Zwischen 1933 und 1945 n. Chr. waren in Deutschland die Geisteskranken sogar in der politischen Mehrheit.

Noch im 18. Jahrhundert wurde als Ursache für Geisteskrankheit unter anderem der Liebeskummer angeführt. Weniger romantisch: Onanie, weil es zu Gehirnerweichung führe. Die Menstruation, aus demselben Grund, und weil sie verunreinigend wirke, ebenso wie die Entbindung eines Babys. Ein Umzug konnte angeblich zu Geisteskrankheit führen; der Anonyme Christ muss dem sogar zustimmen, denn die Betrachtung der Mietpreise in Köln war ihm durchaus einen Insanity-Punkt wert. Der Aderlass war paradoxerweise nicht nur ein Heilmittel gegen Geisteskrankheit, sondern auch eine Ursache dafür. Die beiden Geisteskrankheitsursachenfavoriten des Anonymen Christen sind das Schrumpfen von Hämorrhoiden und das Ausdrücken eines Pickels. Doch als Heilmittel gab es viele Möglichkeiten: Bezoarsteine, das Bekleben der Fußsohlen mit Taubenscheiße, Trinken von Liquor, also Gehirnwasser, Haarescheren, Blut von Verstorbenen. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.

Wo brachte man Geisteskranke unter? Beim Begriff des Narrenturms wird man vielleicht spontan an den Teil eines Schlosses denken, in dem der Hofnarr haust. Aber falsch: Der Narrenturm ist eine Art Vorgänger des Irrenhauses. Es gibt ihn seit der Renaissance, und hier wurden eben all jene Leute eingesperrt, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Allerdings wurden sie dort wie gesagt kaum therapiert. Nach den Narrentürmen kamen dann die ersten echten Irrenhäuser auf, und dort ging es zu wie in der einzigen Umkleidekabine einer Damenoberbekleidungsbotique, sprich: Es war voll, laut, und alle wollten gucken.

In der Tat: Früher, beispielsweise in London vor der Aufklärung, war es ein lustiger Wochenendausflug, ins Bedlam, das lokale Irrenhaus, zu gehen und sich die Bekloppten anzugucken! So tat es auch Cesar de Saussare, der im Folgenden seine Eindrücke beschreibt: “In der großen Galerie wandern viele harmlose Verrückte umher. Im zweiten Stock befinden sich ein Gang und Zellen, die jenen im ersten gleichen. Dieser Teil ist jedoch für die gefährlichen Wahnsinnigen reserviert, von denen die meisten in Ketten liegen und einen wahrhaft furchtbaren Anblick bieten. An Feiertagen besuchen zahlreiche Personen … dieses Hospital und amüsieren sich über die unglücklichen Gestalten, die ihnen oft Grund zum Lachen geben.”

Übrigens kommt auch dieses Kapitel wie so viele nicht ohne die Erwähnung von Ungerechtigkeiten an Frauen aus. Viele private Irrenanstalten dienten als kostspielige, aber das gewissen beruhigende Abschiebeanstalt für unliebsame Ehefrauen.

Nun mag sich der Leser fragen, von was man denn so besessen sein konnte nach mittelalterlicher Denke. Nun, von Dämonen, Geistern, dem Teufel höchst selbst, aber auch von Kröten. Meinte man im Mittelalter, ehrlich. Oder von Vögeln. Oft glaubte man von vorübergehend Geisteskranken, dass sich ein Vogel in ihren Kopf verflogen hatte. Der vermeintliche unfreiwillige Tierfreund hatte halt einen Vogel, bei dem piepte es. Dem Anonymen Christen sind Leute bekannt, die ganze Brutkolonien beherbergen; dem Leser bestimmt auch.

Gegen Epilepsie gab es beispielsweise ein vergleichbar einfaches Rezept, nämlich eine Pilgerfahrt nach Kornelimünster in der Eifel. Nun, äh.

An dieser Stelle beendet der Anonyme Christ nun seien Ausführungen zum Thema der Krankheiten und Seuchen und weist auf das andere medizinische Kapitel dieser Website hin, dass Ebanfalls recht interessant ist und sich eher mit der chirurgischen Seite der Medizin im Verlaufe der Geschichte beschäftigt.

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