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Irrtum#513: Klöster, in denen irgendwelche verwesenden Toten in der Ecke rumlungern, sind eine Erfindung für den Tourismus.

Aktualisiert am 21. Juli 2008 von Ali

In Brno in Mähren legte man die toten Kapuzinermönche ohne jeglichen Sarg und ohne Abdeckung in die Krypta, um meditierend zwischen den Leichen wandeln zu können, was bei dem Gestank und Wurmbefall sicherlich eine Erfahrung war, die jeden Gothic-Fan begeistern dürfte. Rudolf von Riongoltingens Grab war auch recht offen gebaut, und jederzeit konnte man sehen, die die Vergänglichkeit ihr Werk am ollen Rudi vollbrachte und sein Grinsen jeden Tag breiter wurde. In der Kirche St. Immacolata in Ischia Ponte feierten die fröhlich vor sich hinrottenden Äbtissinnen selbst dann noch fromm den Gottesdienst, als sie längst bei jeder Bewegung auseinanderzufallen drohten, und für die Mitschwestern war das ebensowenig ein Problem wie die vielen Skelette von Mönchen in den verschiedensten Klostern Europas dies für deren lebendige Bewohner war. Die Krönung der Knochenarbeit ist wohl die Kirche Kostnice im böhmischen Kutna Hora, wo die gesamte Einrichtung der Kirche komplett aus den Knochen von Pestopfern gefertigt ist, vom Wappenschild über den Kerzenhalter bis zum Altarschmuck, von der Girlande bis zum Kronleuchter. Der Anonyme Christ hatte die Ehre, diesen Ort besuchen zu dürfen, und seltsamerweise kam ihm die Stimmung der Kirche nicht morbide vor, sondern eher hell, friedlich. Die Meditation zur Hinführung auf eine fromme, gute Sterbestunde war ein normaler und alltäglicher Bestandteil religiöser Erziehung für Geistliche fast des gesamten Mittelalters und hatte nichts mit der Neugier gemeinsam, mit der Touristen heutzutage auf irgendwelche Mumien, Heiligen oder in Glas aufgebahrte politische Berühmtheiten starren. Das Verhältnis zu Toten war damals einfach ein anderes, wie der Anonyme Christ in Nummer 346, gewidmet dem Grabräuber (Handwerk), bereits geklärt hat.

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