«Zurück •  Startseite / Index •  Suchen •  Gästebuch •  Impressum •  Anmelden • Mehr vonden Gesellschaften im Alltag

Vom Handel und Gelde

Aktualisiert am 24. Juli 2008 von Ali

Dieses Kapital, äh, Kapitel ist gewidmet dem Handel. Die Geschichte des Handels beginnt mit dem typischen Tauschgeschäft Muschel gegen Stein, Frau gegen Ziege, Pechfackel gegen Videospiel, Alk gegen Sex. Dabei war es natürlich bis ins Mittelalter hinein (und oft bis heute) so, dass Handelunternehmen Familienunternehmen waren. Der Inhaber war im Grunde automatisch das Familienoberhaupt und seine Mitarbeiter waren seine Brüder, Schwestern und Söhne, Neffen und dergleichen, wie der Leser dieser Seite Gerhardt bezeugte. Fremde Angestellte waren zunächst nicht so häufig, zumindest nicht in Positionen, in denen die wirklich wichtigen Dinge entschieden wurden. Im 14. bis 16. Jahrhundert n. Chr. war es beispielsweise die Regel, dass die Frau des Händlers alle Geschäfte führte, während er selbst auf Reisen war. Das entband sie natürlich nicht von den üblichen Pflichten, dem Haushalt und den Kindern und so. Später erlangten die Händler in wichtigen Handelsplätzen das Recht zur Gründung von Lagern und Büros, so genannten Kontoren, und somit wurden die Reisen etwas seltener, doch war der Mann immer noch oft von zu Hause weg. Durch die vertretungsweise Führung der Geschäfte wurden Kaufmannsfrauen immer emanzipierter und selbstbewusster, gingen sogar später selbst auf Geschäftsreisen, blieben aber, was ihr Vermögen anging, abhängig von ihrem Mann. Einige Frauen haben im 15. Jahrhundert die Geschäfte ihrer verstorbenen Männer sogar weitergeführt, und zwar oft mit großem Erfolg, auch im Fernhandel. Natürlich gab es mit dem Aufkommen der großen Kontore dann auch hauptberufliche Angestellte, die das Geschäft des Händlers an seiner Statt besorgten. Doch war anfangs nur der Kleinhandel Frauensache, so wurde die Gattinnen so manchen Fernhändlers im 15. Jahrhundert zu sehr geschickten Geschäftsfrauen. Man sieht: Nicht nur heute stehen hinter großen Männern starke Frauen. Manchmal sogar sehr dicht dahinter.
Solche Handelsangestellten in Kontoren arbeiteten im Gegensatz zur verbreiteten Meinung nicht nur mit dem Geld ihrer Herren. Es war charakteristisch für die Händler, dass sie sehr flexibel waren, und wenn einer ihrer Faktoren, also ihrer Vertreter, zu den fünf Zentnern eingelegten Schrumpfköpfen, die er einzukaufen beauftragt war, noch einen Zentner auf eigene Rechnung kaufte, um dieses Zentner für seine eigene Tasche weiterzuverkaufen, dann war das nicht nur ok, sondern auch absolut üblich. Wie heute lag also ein Teil des Kapitals immer in Streubesitz. Man muss allerdings wissen, dass so eine Art von Geschäft - gesehen auf das Leben eines einzelnen Handelsvertreters - eher selten vorkam, denn der Handelsvertreter verdiente weniger als ein Sechstel dessen, was sein Herr verdiente. Von diesen paar Kröten musste er seine Familie durchziehen, für Spekulationsgeschäfte blieb da naturgemäß nur selten etwas übrig.
Und wenn, dann musste es halt buchhalterisch genau getrennt sein, was dem Inhaber und was dem Faktor gehörte. Wobei: Buchhalter gibt es nicht etwa erst seit der Zeit der Hansestädte. Das wäre wohl ein bisschen spät. Schon die alten Ägypter hatten viele Arten von Schriftführern, Verwaltern und eben auch Buchhaltern. Die ägyptische Hieroglyphe für Buchhalter bedeutet wörtlich übersetzt “Verwalter der Kornkammern”. Damals wie heute war der Job des Buchhalters hoch qualifiziert, doch ist das Bild vom staubigen Buchhalter nicht immer richtig. Der Anonyme Christ kennt sich so ein kleines bisschen mit Rechnungswesen aus (er ist eigentlich sogar selbst eins) und weiß daher, dass ein Buchhalter heute lange nicht mehr aussehen muss wie ein halbtoter Beamter.

Nun hatte der Anonyme Christ ja schon erwähnt, dass man als Handelsangestellter nicht so irre viel verdiente. Aber wonach bemaß sich dieser Verdienst? Mein könnte ja meinen, dass ein qualifizierter Beruf einen hohen Lohn und ein Deppenjob niedrigen Lohn bringt. Aber das ist falsch. Weder im heutigen noch im mittelalterlichen Europa war/ist Qualifikation das wichtigste, doch während heute ein Brauer oder ein Schlosser in Köln etwa dasselbe verdient wie ein Brauer oder Schlosser in Aachen, gab es im Mittelalter sehr große Unterschiede abhängig vom Ort und vom Dienstherrn. So gibt es Beispiele dafür, dass ein Stalljunge (damals Deppenjob) an einem Hof nur zwölf Meilen entfernt von einem anderen Hof mehr verdiente als ein Schmied (Qualifizierter Beruf) an diesem zweiten Hof usw.. Die Unterschiede zwischen arm und reich waren generell viel größer als heute, und zwölf Meilen war eine große Entfernung. Verdiente ein Ladenbesitzer in London um 1700 n. Chr. 45 Pfund, musste sein Hausmädchen gerade mal mit fünf Pfund auskommen. Gerade große Städte zogen die Menschen mit hohen Löhnen an, entweder zum arbeiten oder eben zum einkaufen. Auch heute noch sind die Preise in Großstädten höher als auf dem Land, jedoch muss es früher noch viel drastischer gewesen sein. (Wobei: sieht man sich einmal selbst innerhalb Europas die Löhne an, so sind auch hier die Löhne extrem unterschiedlich.) So war in London war um 1700 n. Chr. das Lohnniveau um fünfzig Prozent höher als ansonsten in England, darum kamen pro Jahr auch 8.000 Zuwanderer. Dennoch schien einigen der Deppenlohn immer noch zu hoch zu erscheinen. So schrieb Daniel Defoe zum Lohn der Dienerinnen in London um jene Zeit: “Weibliche Diener sind nun so selten, dass ihr Lohn von dreißig und vierzig Schilling pro Jahr auf sechs, sieben und Pfund und höher gestiegen ist. Das ist soviel, dass ein gewöhnlicher Handwerker sich kaum noch eine leisten kann, sodass seine Frau, die eigentlich im Geschäft arbeiten müsste, sich im Haushalt abrackern muss. Und das alles nur, weil diese Dienerschlampen heutzutage sich vor lauter Stolz derart aufplustern, dass sie niemals glauben, fein genug herausgeputzt zu sein. Es ist schwer, Dienerin und Herrin anhand ihrer Kleidung zu unterscheiden, tatsächlich ist oft die Dienerin die Feinere der beiden.”

Die Gehälter vieler Leute waren übrigens auch damals schon flexibel, was man sicherlich nicht vermuten mag. Sogar die mittelalterlichen Herrschaften kannten bereits Anreizsysteme, allerdings eher im negativen Sinne, nämlich als Lohnabzüge. Wer z.B. als Bediensteter in einem Herrenhaus fluchte, einen Knopf seiner Jacke zu schließen vergaß, zu spät zum Essen oder zum Gebet kam, eine Tür offen ließ oder einen Flecken auf dem Hemd hatte, musste oft empfindliche Lohnkürzungen hinnehmen. Für Handwerker gab es ebenfalls meist Bezahlung nach Leistung, was bedeutet, dass nicht die Arbeitsstunden bezahlt wurden, sondern, wenn irgendwie messbar, die Menge. Steinmetze beispielsweise wurden nach der Anzahl gemetzelter, äh, gemetzgerter, äh, nun, zurecht gehauener Steine entlohnt, warum sie diese übrigens mit ihrem Zeichen kenntlich machten.
Es gab aber Leute, denen es noch weitaus besser ging als jenen von Herrn Defoe beschriebenen, denn wer einen Beruf hat, musste seinerzeit noch lange nicht immer dafür arbeiten. Wer an dieser Stelle einen weiteren dummen Gag über das Beamtentum erwartet hat, liegt falsch, denn durch äußerste Beherrschung und unter Aufbringung wahnwitziger Disziplin wird der Anonyme Christ versuchen, bis zum Ende dieses Kapitels keinen einzigen Beamtenwitz einzubauen. Worauf sich dies hier bezieht, ist eher die Sache mit den Ehrentiteln. Die gab’s nämlich zwischen dem späten Mittelalter und dem 20. Jahrhundert öfter mal. Dabei handelte es sich um Berufe, die zwar einerseits mit recht hohen Bezügen verbunden waren, andererseits aber „sine Cure“, also nicht mit irgendeiner Verpflichtung verbunden waren. Posten wie „königlicher Kammermusiker“; oder „kurfürstlicher Poet“, meist künstlerische Berufe also, brachten allerhöchstens gesellschaftliche Verpflichtungen wie das Erscheinen auf Bällen und Festen mit sich. Dennoch: Die entsprechenden Künstler arbeiteten meist trotzdem weiter, im Wissen, dass der Posten vom Wohlwollen ihres Herrn abhing und somit kündbar war, im Gegensatz zum heutigen Beamtentum. Äh, natürlich bezieht sich das mit dem Beamtentum nur auf die Kündbarkeit, nicht auf das Weiterarbeiten (puh, gerade noch mal die Kurve gekriegt…).
Aber war die Arbeit früher wirklich so hart? Immerhin gab es ja kaum Urlaub. Stimmt ja alles, nur: Statt dreißig Tagen Urlaub gab es früher je nach Region dreißig und mehr kirchliche Feiertage, und das war ja auch schon etwas. Allerdings verbrachte man jene Tage anders als heute eher fromm, hielt sich an die durch den Feiertag gesetzten Restriktionen und betete.
Eine andere Form des Blaumachens ist der Streik. Früher war ja bekanntlich alles besser, darum gab es auch früher keine Streiks. Oder? Doch, klar gab es Streiks. Man wird es kaum glauben, aber der erste Streik (war übrigens ein Sitzstreik), über den Aufzeichnungen bestehen, fand 1156 v. Chr. im alten Ägypten statt, und der Anonyme Christ verspricht, einen Tennisschläger quer zu fressen, wenn das der erste Streik überhaupt war. Die Streikbereitschaft war allerdings damals noch nicht so groß wie heute, wo riesige Gewerkschaften regelmäßig acht Prozent Lohnerhöhungen fordern und sich dann wundern, warum die Inflationsquote aus dem Ruder läuft.
Einer der berühmtesten Streiks war der der schlesischen Weber, wie der Leser dieser Website Slash ergänzte. Ende des 19.Jahrhunderts warfen die Arbeiter einer Weberei in Rouen ihre Holzschuhe (frz.: Sabeau) in die neu gekauften automatischen Webstühle. Und zerstörten diese so. Der Weber zieht nämlich dabei die Schuhe aus, damit er die Pedale und Hebel eines großen Webstuhls besser bedienen kann. Und da fiel dann so ein Schuh „zufällig“ mal rein. Sie wussten nämlich, dass die Anschaffung solcher Gerätschaften langfristig ihre Existenz gefährden würde. Daher kommt der Begriff Sabotage (Sabau-tage).
Wie bereits oben klar geworden sein dürfte, ist der Anonyme Christ ein ausgesprochener Gewerkschaftshasser (jedoch ein absoluter Fan von produktiver Mitbestimmung, mit der die jetzigen Gewerkschaften aber nichts zu tun haben). Seit wann gibt es denn die Gewerkschaftsgeissel schon? Seit der industriellen Revolution? Nein, früher, viel früher. Schon die Zünfte hatten so ihre Probleme mit gewerkschaftsähnlichen Organisationen. Das kam so: Irgendwann gab es soundso viele Meister, und diese wollten irgendwann nicht mehr, dass noch mehr Meister dazukamen, denn jeder zusätzliche Meister bedeutete ja auch Konkurrenz. Also erschwerte man die Aufnahmebedingungen so, dass es fast unmöglich wurde, sie zu erfüllen: Ein Meisterstück machen auf eigene Kosten, Zunftkirchenkerzen en masse spenden auf eigene Kosten, einen Harnisch kaufen auf eigene Kosten, Gebühren ohne Ende entrichten auf eigene Kosten, die Bürgerschaft erkaufen auf eigene Kosten, ein Haus kaufen auf eigene Kosten und allen Zunftmeistern ein mehrgängiges Essen in die Popos schieben auf eigene Kosten. Daraufhin gründeten die Gesellen Verbände, welche ziemlich streikwütig waren und dadurch bessere Bedingungen, kürzere Arbeitszeiten und mehr Lohn  erzwangen. Zu dieser Zeit waren Gewerkschaften – oh Wunder – also noch sinnvoll. Sogar überregionale Streiks waren möglich, und Gästehäuser mit frei Fressi und freier Schlafgelegenheit nur für Gesellen gab es auch. In Lyon waren die Gesellen sogar so mächtig, dass sie Meister, die ihnen nicht mehr gefielen, den Gesellenhahn abdrehen konnten und die Bedingungen fast alleine festlegten. Also wie heute, und genau diese Erpressungshaltung ist es, die auch jetzt noch die Wirtschaft so verwüstet. Übrigens verhielten sich die Gesellenverbände in Sachen Mitgliederwerbung ebenso radikal wie heute. Wer als Geselle nicht beitreten wollte, bekam halt die Kniesehnen durchgeschnitten.
Wichtig war, dass die Mitglieder von Zünften derselben oder befreundeter Berufsgruppen sich gegenseitig eigentlich überall Gastfreundschaft schuldeten. War ein Zunftmitglied auf Reisen, konnte er also davon ausgehen, dass er am Abend schon irgendwo unterkommen würde, zumindest, wenn er eine Stadt erreichte. Ein Bettler oder ein Schausteller hatte keine Chance, irgendwo unterzukommen, aber der Kaufmann beherbergte halt den Kaufmann, der Schmied den Schmied, der Adelige den Adeligen. Es gab es die Sitte, dass eine Tochter des Hauses den Gast dann abends zu seiner Zimmertür geleitete. Nun, es ist nicht überliefert, welche Seite der Zimmertür gemeint ist.
Der Anonyme Christ hat bislang nur den Ausdruck der Zunft benutzt, nicht den der Gilde oder der Innung. Im Gegensatz zur Meinung vieler ist das nämlich durchaus nicht dasselbe. Zunft ist abgeleitet von Zusammenkunft und war eine Handwerkerorganisation, der man beitreten musste, wollte man ein Handwerk ausführen. Gilde ist abgeleitet vom seinerzeitigen Wort für bezahlen (von Geld) und ist im Grunde dasselbe wie eine Zunft, nur eben für Kaufleute. Ganz etwas anderes ist die Hanse. Das ist eine Vereinigung von Kaufleuten mit demselben Ziel, zum Beispiel eine Vereinigung aller, die mit England handelten, oder mit Dänemark, oder mit Atlantis West. War das Ziel der Gilden die Interessenvertretung in der Heimatstadt, so war es Ziel der ab dem späten Mittelalter aufkommenden Hansen, die Bedingungen des Handels zum und am jeweiligen Zielort zu verbessern. Später schlossen sich viele Hansen zusammen und hatten dann halt viele Zielhäfen. Die erste Hanse unter dieser Bezeichnung wurde in Köln unter den Englandfahrern gegründet, und bald zählten gut siebzig Städte dazu. Man betrieb Kontore in London und anderen Städten und handelte sehr gute Bedingungen mit den Engländern aus, die je nach politischer Lage mal verbessert, mal entzogen wurden. Erst Elisabeth I. bedeutete dann 1558 n. Chr. das endgültige Ende der Vergünstigungen. Innungen kamen erst im 19. Jahrhundert auf, sie waren das Pendant zu Gilden und Zünften, jedoch freiwillig und bei weiten nicht zu streng in ihrer Reglementierung der einzelnen Mitglieder.
Auch Vergünstigungen bei den Stapelrechten waren Objekt der Verhandlungen der Hanse. Stapelrecht? Was’n das? Nun, wer glaubt, ein Händler habe früher selbst entscheiden können, ob und wem er seine Ware zum Kauf anbietet, irrt. In gewissem Maße konnte man das, doch wie heute gab es auch früher schon bestimmte Vorschriften, die dafür sorgen sollten, dass man nicht Ware exportierte, die im eigenen Land dringender gebraucht wurden. Da war zum Beispiel eben jenes Stapelrecht. Bestimmte Städte hatten das Recht, von einem per Schiff vorbeiziehenden Kaufmann zu verlangen, dass er seine Ware für eine gewisse Zeit (in Köln zum Beispiel drei Tage, das Gesetz galt von 1259 bis immerhin 1831 n. Chr.) den einheimischen Händlern in so genannten Stapelhäusern, also Lagern am Hafen zum Verkauf anbot. Nur den Einheimischen, nicht Gasthändlern! Dummerweise musste er das zu marktüblichen Preisen tun. Das war ein echtes Problem, denn wer einem Kaufmann in sagen wir mal Brügge eine bestimmte Menge Ware aus Bingen versprochen hatte, musste an Städten wie Koblenz und Köln vorbei und lief dort Gefahr, seine Ware schon vorzeitig verkaufen zu müssen. Darum deckte man sich mit größeren Mengen als den Vereinbarten ein, was aber den Nachteil hatte, dass man auf dem Rest sitzen bleiben konnte, wenn die Städte von ihrem Stapelrecht nicht Gebrauch machten. Schlecht ging es den Fernhändlern trotz Stapelrechten und Zöllen jedoch nicht, auch, wenn sie ständig meckerten. Doch wie heißt es: Das Jammern ist die Sprache des Kaufmanns. Zahle drauf, wie soll ich meine Kinder versorgen, ruiniere mich selbst, wie soll ich meine vier Wohnzimmer beheizen und so. Noch heute gibt es Außendienstler, die auf diese Tour ankommen. Da lobt sich der Anonyme Christ noch die alten jüdischen Händler in der Zeit nach Christi Geburt: Ed, der Herr will nicht feilschen!
Eine ähnlich heftige, aber oft kalkulierbarere Sache waren die Zölle. Warum aber zahlt man Zoll? Weil man durch den Besitz eines anderen reist? Nein, eigentlich ursprünglich, weil man die Straßen oder Wasserwege eines anderen benutzt. Eine mittelalterliche Straße in Schuss zu halten, so dass Handelsverkehr darüber laufen konnte, war nicht einfach, denn Wind und Wetter versetzten die Straßen schnell in einen schlimmen Zustand. So waren die Bandscheiben eines Kutschers von der Belastung her damals vergleichbar einem Dackels zwischen zwei Mühlsteinen. Also war personalintensives Nachbessern angesagt. Und genau das kostete halt Geld. Darum erhob man Zoll. Dass man dann manchmal etwas mehr Zoll als nötig erhob und dennoch etwas weniger Straßenreparaturen betrieb als notwendig, ist klar, oder?
Aber weiter im Text: Zusammenschlüsse von Händlern, wie oben beschrieben, rufen ja nun gerne Anti-Globalisierungs-Fundamentalisten auf den Plan, die der felsenfesten Meinung sind, dass in der Endzeit wenige globale Konzerne reich sein werden und der Rest in Armut und Dreck leben wird. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht auch nicht. Globalisierung ist für so manchen Dritte-Welt-Laden-Besucher ein rotes Tuch, und in der Tat birgt sie Gefahren, doch ist sie dennoch eine bittere Notwendigkeit. Arme Länder brauchen die Partizipation am Weltmarkt, und zwar dringend. Erst weltumspannender Handel kann dazu führen, dass alle ökonomischen und ökologischen Vorteile einer großen Gemeinschaft ausgenutzt werden können, zum Beispiel die Sache mit der Abwägung zwischen Transport und Produktion am Ort. Heißt: Noch sind die Unternehmen mangels Globalisierung nicht frei in den Erwägungen, ob es sich eher lohnt, ein Produkt am Ort A herzustellen und nach Ort B zu transportieren oder aber direkt etwas teurer am Ort B zu produzieren und dafür den Transport zu sparen. Das führt dazu, dass einige Länder massenhaft teuren und umweltschädlichen Dünger an Ort B benutzen, um dasselbe Ergebnis zu erzielen wie die Leute an Ort A ohne Dünger, die ihrerseits mangels Globalisierung ihr Produkt nicht an Ort B abgeben können. Fehlende Globalisierung bedeutet, dass bestimmte Volkswirtschaften, z.B. viele Kommunistenstaaten oder Diktaturen, dem Weltmarkt gegenüber verschlossen sind. Ihre Industrie ist nachweislich verschmutzter als in offenen Staaten. Ein Vergleich der West- und Ostindustrie zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung Deutschlands belegt dies eindrucksvoll. Sie müssen staatlich gelenkt Cash Crop, also Export-Nahrungsmittel und anderes anbauen, ohne selbst etwas zu essen zu haben, und sie können nicht am schützenden Sozialsystem der großen Konzerne teilhaben. Die IT-Experten aus Indien, die ihren Weltmarktanteil in den letzten zehn Jahren des zweiten Jahrtausends n. Chr. verachzigfacht haben, zeigen es deutlich: Globalisierung hilft gegen Armut. Wenn viele reiche Konzerne ihre Betriebsstätten in arme Länder verlegen, weil die Löhne dort niedriger sind, führt dies logischerweise zu mehr Nachfrage an Arbeitskräften in den armen und weniger Nachfrage an Arbeitskräften in den reichen Ländern. Das führt dazu, dass der Lohn von Arm und Reich sich etwas einander nähern; ein Exempel, dass allerdings leider nur bei den Arbeitnehmern funktioniert, während zwischen diesen und den Arbeitgebern wiederum eine noch größere Kluft entstehen könnte. Was den Dreck angeht, in dem die Armen im Zeitalter der abgeschlossenen Globalisierung leben sollen, so sind viele Sorgen unbegründet. Die Weltbank hat herausgefunden, dass das Thema Umweltschutz nur in reicheren Ländern mit einem Pro-Kopf-Jahresbruttoeinkommen von über 3.500 Dollar wichtig genommen wird, bei niedrigeren Gehältern hat man andere Probleme. Die dreckigsten Flüsse, die schmutzigste Luft, die übelsten Städte, die schlimmsten Krankheiten sind dort, wo die Menschen arm sind. Wenn die Globalisierung aber nun die weltweiten Bruttoeinkommen ein Stück weit angleicht, wie oben beschrieben, könnte die viel geschmähte Globalisierung ein weiteres Puzzlestück zur heilen Welt hinzufügen. Doch ganz ohne Gefahr ist das Ganze nicht: In Deutschland gibt es zum Beispiel nur ein halbes Dutzend Warenhausketten, die im Laufe der Zeit alle anderen aufgekauft haben, und wenige große Unternehmen wie die Allianz, die Deutsche Bank, Daimler-Chrysler und andere halten das Groß der Wirtschaft in ihren Händen. Weltumspannende Firmen wie Microsoft oder General Electrics verbreitern ihr Spektrum und setzen sich in immer mehr Märkten fest, und in der Tat kann es irgendwann dazu kommen, dass auch weltweit nur wenige Konzerne die Gesamtwirtschaft bestimmen. Hier ist eine Weltkartellbehörde gefragt, und von ihren Vollmachten und ihrer Unabhängigkeit wird es abhängen, ob wenige Köpfe die Weltwirtschaft bestimmen. Dass Anfang des dritten Jahrtausends n. Chr. beispielsweise viele Menschen hungerten, um statt Nahrung für sich selbst Biokraftstoff für reichere Länder anzubauen, zeigt deutlich, dass man die Worte der Globalisierungsgegner ernst nehmen sollte. Insofern kann als Antwort dieses Irrtums gelten: Ja, die Gefahr besteht, dass wenige Konzerne bestimmen, wenn keine dagegen steuernden Regeln vereinbart und auch durchgesetzt werden. Aber: Nein, die Armen werden dadurch nicht zwangsweise ärmer. Es kommt halt sehr auf die politischen Regelungen drum herum an.
Sozialversicherungen federn sicherlich einiges ab, um die Armen nicht noch ärmer zu machen. Die Sozialversicherung wurde bekanntlich von Bismarck gegründet. So steht es in den Geschichtsbüchern, und wenn man es streng nimmt und den Begriff “Sozialversicherung” als solchen sucht, stimmt dies auch. Doch es finden sich bereits zu Zeiten der Zünfte im Städtewesen Systeme zur kollektiven Sicherung. So war in den Städten jeder, der ein Handwerk ausübte, verpflichtet, der entsprechenden Zunft beizutreten. Sinnigerweise nannte man dies Zunftzwang. Man war gezwungen, zu festlichen Anlässen alle Zunftmeister einzuladen und auch sonst füllte die Zunft das Leben des Handwerkers derart, dass sie sehr reglementiert war und ein Zunftausschluss immer einem Berufsverbot gleichkam. Vor allem aber schützte die Zunft ihre Mitglieder. Wurde einer krank, so wurden die Kosten aus einem Fond beglichen, in den alle einzahlten, und genau das ist der Hauptcharakter der Sozialversicherung. Geht man noch weiter in der Geschichte zurück, so wird man bei den Karawanen in der Sahara fündig. Dort war nämlich schon vor Christi Geburt ein Fond üblich, der überfallene Karawanenbesitzer entschädigte und in den ebenfalls alle einzahlten. Zwar war dies keine Sozialversicherung im engeren Sinne, aber immerhin so ziemlich die erste belegbare Versicherung überhaupt. Inzwischen ist Deutschland das versicherungsgebeuteltste Land der Welt. Nirgendwo werden pro Kopf so viele Versicherungen abgeschlossen wie in Deutschland. Sagt uns das nun, dass Deutsche reiche Feiglinge sind? Wer Versicherungen abschließt, muss erstens genug Geld haben und zweitens genug Angst, dieses zu verlieren. Nun ja, lassen wir diese Gedanken vorsichtshalber mal im Sahara-Sand verlaufen. Klar ist, dass einige der kapitalstärksten Unternehmen Deutschlands, aber auch der ganzen Welt, Versicherungsunternehmen sind.
Und Banken. Aber Banken gab es ja im Mittelalter nicht, könnte man meinen. Wäre aber falsch. Ok, ein wirklich durchorganisiertes System von Zentralbanken, öffentlich-rechtlichen Kreditinstituten und Onlinebanken gab es nicht, aber immerhin existierten schon einige Parkbänke. Die reichen Kaufleute zur Zeit der freien Städte und der Hanse handelten nicht nur mit Waren, sondern eben auch mit Geld. Das Bank- und Kreditwesen war sogar recht gut organisiert, wenn es auch keine echte Absicherung gab wie heutzutage, d. h. Banken konnten durchaus leicht den Bach runter gehen. So manches Heer wurde schon von solchen Banken finanziert, und so manches Heer ihretwegen erst aufgestellt. Die Leser dieser Website Slash und Florian wiesen in dem Zusammenhang auf die Templer hin. Die Templer unterhielten ein erstklassiges Banksystem. Man konnte sein Geld abgeben und bekam einen Gegenwertschein, wenn man so will, das erste europäische Papiergeld. Dann gab man an, wo man hin wollte, dort konnte man mit seinem Papiergeld wieder Münzen abheben. Den dortigen Mönchen war ein Gegenstück des Schuldscheins mit dem entsprechenden Verfügungspasswort bekannt, und so konnte man getrost mit leeren Taschen auf die gefährliche Pilgerfahrt gehen, denn man hatte ja nichts, wessen man beraubt werden konnte, und einem arabischen Räuber zahlte man das Geld selbst mit Passwort nicht aus. Schließlich waren neben dem Passwort auch „biometrische Daten“ vermerkt. Wer wollte, konnte sich bei den Templern auch gleich den Begleitschutz mieten. Verstarb ein Pilger jedoch, fiel das Geld an den Orden. So wurde das Ganze finanziert, und das sorgte natürlich für Gerede. Dieses System erweiterte das erhebliche Vermögen der Templer, dass durch im nahen Osten eroberte Schätze und dadurch seinen Grundstock bekommen hatte; dass jeder neue Ordensbruder seinen gesamten Besitz einbringen musste. Schließlich praktizierten sie es auch in Frankreich, bis sie praktisch die mächtigste Finanzkraft ihrer Zeit waren. Soweit die Ausführungen von Slash und Florian.
Wer nicht so reich war, konnte Geld natürlich auch leihen, aber nicht zu den heutigen Zinssätzen. Nein, wer glaubt, zwanzig Prozent Zinsen seien Wucher, sollte sich einmal ins 13. Jahrhundert zurückversetzen. Zwanzig Prozent Zinsen waren im Mittelalter nämlich günstig. Zu jener Zeit wurde ein Zinssatz von dreißig Prozent als normal angesehen, und der gesetzlich festgesetzte Höchstzins des Rheinischen Städtebundes betrug 1255 n. Chr. lockere 43,3 Prozent! Für einen Kredit von einer Woche ist das nicht wirklich günstig, zumal unter bestimmten Umständen diese Höchstgrenze auch durchbrochen werden durfte. Da ist doch Don Luigi mit seinen zwanzig Prozent noch recht fair, oder? Der Leser dieser Website Seegras glaubte das alles nicht und schrieb, dass es zwar tatsächlich Gesetze gegen Wucher gab, aber nach diesen durfte der Zins nicht größer als vier oder fünf Prozent sein. Macht immer noch irgendwas um 20 Prozent im Jahr. Nun, lassen wir einfach beide Meinungen stehen, die Quellen des Anonymen Christen sind nicht umsonst so genau, und fünf Prozent Zinsen ist ja im Grunde ein Wert, der sich vom heutigen kaum unterscheidet. Aber Seegras ist ein Mittelalter-Experte, dessen Meinung normalerweise durchaus fundiert ist.
Nun sind wir schon beim reinen Geldgeschäft, dann können wir uns ja auch mal mit dem Geld an sich beschäftigen. Das ist gar nicht so langweilig, wie es klingt, immerhin gab es auf Münzen immer etwas Tolles zu lesen. Yep, im Mittelalter und Altertum konnte man Münzen ein bisschen lesen wie eine Zeitung. Gewann man eine wichtige Schlacht, prägte man Münzen, in denen ein Landsmann einen Gegner erschlug, und schrieb das Datum mit drauf. Oder man prägte Münzen, auf denen der neue Kaiser zu sehen war, komplett mit Regierungsantrittsdatum. Die Briten machen das heutzutage nicht mehr, denn die Ohren gewisser Persönlichkeiten würden zu große Münzen erfordern, der Rest Europas hat sich auch auf modernere Münzen verlegt. So fungierten die Münzen seinerzeit als Überbringer wichtiger Nachrichten, denn was verbreitet sich schneller als Geld?

Wie auch immer, es ist erwiesen, dass die ollen Römer selbst dann Münzen über glorreiche Siege prägten, wenn sie die betreffende Schlacht in Wirklichkeit verloren hatten. Ts ts ts.
Wie prüfte man denn früher Münzen auf Echtheit? Na klar, indem man darauf biss, sieht man ja manchmal so im Fernsehen. Allein: Es mag sein, dass man damit das eine oder andere superbillige und extrem schlecht gemachte Imitat entlarven konnte, doch vor allem war es eine Aktion, die das Überleben der Zahnärzte sicherte. Zur Prüfung der Echtheit von Münzen gab es vor allem drei Dinge: Erstens die Waage, zweitens Münzbeutel mit Probeexemplaren echter Münzen, anhand derer man vergleichen konnte, und drittens den Probierstein, an welchen man bekannte Münzen andrücken konnte. Passten sie, war die Münze zwar noch lange nicht echt, aber man konnte zumindest von einer gewissen Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass sie auch vom Nächsten als echt akzeptiert wurde. Ein Zusatzproblem war, dass es auch nach dem Mittelalter noch viele verschiedene Münzen gab, die zwar echt waren, die aber irgendwie kaum bekannt waren. Es gab zeitweise sehr viele Münzprägereien und viele Leute, die Münzprägerechte hatten. Natürlich prägte jeder davon seine eigene Münze. Da half nur eines, nämlich annehmen und hoffen, dass der Nächste sie ebenfalls annahm, wenn man sie wieder loswerden wollte.
So konnte man dann also auf den Markt gehen, oder eben den Basar, um nun das Geld loszuwerden. Doch Vorsicht vor dem vielen Diebsvolk! Die Versuchung ist groß für unehrliche Menschen, bei Volksaufläufen dem einen oder anderen in die Tasche zu greifen oder aber Auslagen der Marktstände mitgehen zu lassen. Doch im Mittelalter war das Stehlen besonders gefährlich, wenn Markt war, und so mag sich mancher Dieb dreimal überlegt haben, ob der Griff in anderer Leute Taschen wirklich lohnte. Der Marktfriede, ein Rechtskonstrukt, das erfolgreich die Händler und Käufer schützte, garantierte nämlich jedem Dieb, aber auch jedem Raufbolde oder Störenfried einen kurzen Prozess. Dass ein Apfeldieb seinerzeit mit dem Abschlagen der Hand bestraft wurde, ist gar nicht so unrealistisch, wie man oft glaubt, denn der Marktfriede wirkte sich oft recht drastisch auf die Maniküre von Diebsvolk aus, so es wagte, den Marktfrieden zu brechen. Das obligatorische Schild „Wir bringen jeden Diebstahl zur Anzeige.“, wie man es heutzutage in Kaufhäusern sieht, war damals nicht nötig, doch mag es noch heute so manchen Kaufhausleiter geben, der liebend gerne die abgehackte Hand eines Ladendiebs über den Köpfen der Käufer baumeln lassen würde. Spätestens an Halloween könnte man die alten Hände sogar verkaufen und neue aufhängen. Der Marktfriede wurde von speziellen Wächtern bewacht, die mit Schlagstöcken bewaffnet waren und auch kontrollierten, ob jeder Verkäufer seine Marktgebühr bezahlt hatte. Prügel setzte es nicht nur für ungebührliches Benehmen auf dem Markt, sondern auch für das Anbieten alter oder schlechter Ware.
Es gab natürlich auch so manches zu schlichten für die Marktwächter, denn einige Probleme sorgten regelmäßig für Streitereien zwischen den Händlern, beispielsweise die Genauigkeit oder Ungenauigkeit der Waagen. Mittelalterliche Waagen sind nämlich alles andere als ungenau gewesen. Schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts n. Chr. konnten muslimische Münzer und Apotheker mit Waagen Gewichte messen, deren Genauigkeit bei einem Drittel Milligramm lag. Plastisch vor Augen geführt bedeutet dass, dass man die exakte Menge von zum Beispiel einem Kilogramm Mehl (1,0000000 kg) irgendwo zwischen 0,9999997 und 1,0000003 genau festlegen konnte. Genaue Waagen waren damals auch sehr wichtig, wie der Leser dieser Website Heretic anmerkte. Die alten Araber (nicht die heutigen) waren Meister der Medizin. Und Medikamente verabreicht man gewöhnlich nicht in Pfund. Es sollte allerdings noch gute 300 Jahre dauern, bis man in Europa ähnlich genau maß. Die allerersten Balkenwaagen gab es bereits 3000 v. Chr., natürlich waren sie nicht ganz so genau, wurden aber sehr schnell bereits mit Kontrollgewichten geprüft. Der Anonyme Christ ist sich sicher, dass heutige Waagen sein eigenes Gewicht immer um ein paar Pfund zu hoch anzeigen.
Kleiner mieser Trick für unehrliche Händler, der gut bei kleinen Gewichten wie Gewürzen etc. wirkt: Man befestige ein einfaches langes Haar an einer Waagschale. Schon kann man die Waage beeinflussen. Dass das auch klappt, beweist das Vermögen des Erfinders dieses Tricks, nämlich des Scharlatans Nino Percoraro, der zu Zeiten des großen Houdini lebte. Die Abbildung zeigt das Ganze, wobei es halt nur eine der vielen (und auffälligeren) Alternativen zeigt, wie man ein Haar befestigen könnte. Man musste allerdings tierisch aufpassen dabei, denn, wie der Leser dieser Website Slash warnte, wurde einem Waagenmanipulierer alles, was er bei sich trug, gepfändet. Schon auf den altrömischen Märkten gab es den Marktwächtern ähnliche „Eichaufseher“ mit exemplarischen Gewichten. Sie prüften die Waagen. Es war daher viel einbringlicher, an der Ware selbst zu manipulieren. Holländische Schlachtereien manipulieren heute immer noch Fleisch durch das Einspritzen von Wasser, meint Slash zu wissen. Aber da muss er etwas verwechselt haben: Wahrscheinlich meinte er Tomaten.
Auch Maße wurden gerne mal manipuliert. Elle ist nämlich nicht gleich Elle. Nein, die renommierte Frauenzeitschrift Elle bietet in jeder Ausgabe etwas anderes: Mal Diäten und Mode, mal Diäten und Frisuren. Auch im Mittelalter war die Elle noch lange nicht überall gleich, auch andere Maße wie zum Beispiel die Spanne oder der Fuß waren in jeder Zeit und in jeder Region anders. Das war durchaus wichtig, denn wenn ein Händler aus Lübeck mit einem Händler aus Mainz die Lieferung von 1.000 Ellen Stoff vereinbarte, dann konnte es schon einen großen Unterschied ausmachen, ob Lübecksche oder Mainzer Ellen gemeint waren. Darum gab es in jeder Stadt ein so genanntes Stadtmaß, meistens am Rathaus oder an der Kirche, welches sozusagen das Urmuster einer Elle oder einer Spanne darstellte, wie sie in jener Stadt galt.
Märkte und Basare waren auch nicht Ansammlungen wild durcheinander gewürfelter Verkaufsstände, wie man oft meint, sondern sehr geordnet. Wild ist an Basaren allerhöchstens die Gestik der diversen Handelstreibenden, doch nicht die Ordnung an sich. Basare im islamischen Raum sind nach Handwerksart geordnet, das erspart Wege und vereinfacht Preisvergleiche. Übrigens war im islamischen Mittelalter gerade bei Handwerkern die Werkstatt direkt hinter dem Verkaufsstand, und auch für das Abendland ist dies in den meisten Städten belegt. Erst später wurde diese Regel dadurch aufgeweicht, dass man so langsam einsah, dass der Geruch von Gerbereien und der Krach von Waffenschmieden sich irgendwie nicht so richtig in das städtische Leben einpassten. Ob sich die Keiferei vom Wohnhaus gegenüber oder das Technogeballere vom GTI nebenan in das Stadtbild einpassen, wäre auch mal eine Frage, aber sie gehört nicht hier hin.
Dennoch ist es auf dem Markt bunt und geschäftig, wie es sich gehört. Wer handelt denn da so alles? Nun, sehen wir einmal insbesondere auf jene Handelsberufe, die heute eher selten sind. Da war zum Beispiel der Sämer. Der verkaufte dort Salz. War gerade nicht Markttag, zog er mit einem Salzsäckchen von Ort zu Ort lebte dabei eher bescheiden. Musfallskrämer (Mausefallenkrämer) handelten mit kleinen Drahtwaren. Der sesshafte Fragner war ein Lebensmittelkleinhandel etwa der Art, wie sie heutzutage auf den Dörfern gerade aussterben. Andere Worte für ihn waren Metzler, Greißler, Krämer oder Hucker bzw. Höcker (nun weiß der geneigte Leser also auch, was es heißt, etwas zu “verhökern”). Ähnlich war der Job der Fratschlerweiber, die man auch Bolettenweiber, Fratschlerinnen oder Hökerinnen nannte: Es war das, was man heute dem Marktschreier zuordnen würde. Mit Lebensmitteln handelte auch der Fütterer, allerdings eher mit Tierfutter. Ebenso der Vegetarierfreund unter den Händlern, der Gemüsehändler, Kräutler und Kompastmacher. Mehlig war des Melbers Geschäft, weil er sich mit dem Mehlhandel befasste.
Der Korbmacher schnitt Weiden und flocht daraus Körbe, und mit ihm verwandt waren der Zeckermacher, der eine Art Handtaschen aus Bast oder Binsen fabrizierten, und der Korkmacher, der aus der Rinde von Bäumen Kork herstellte. Der Siebmacher oder auch Simmerer stellte entweder aus Pferdehaaren und Borsten Siebe her, aber auch aus Draht (dann hieß er Hesiber), oder aus großem Geflecht zum Kies- und Schottersieben (Reitern, darum hießen diese Reiterer).
Ganz anders und nicht mehr ganz so legal war das Geschäft der Kipper und Wipper: Sie stellten Falschgeld her, indem sie Münzen fertigten, deren Edelmetallgehalt unter dem vorgeschriebenen lag. Blüten stellte man damals noch nicht her, denn Papiergeld war nicht üblich (wobei man wirtschaftstheoretisch anmerken könnte, dass ein Schuldschein im Grunde auch nichts anderes als Papiergeld ist, ist ja gut…). Echtes Geld hingegen verwaltete der Bänker, ebenso der Pfandleiher oder einfach Leiher, ein Geschäft, das lange Zeit die Juden zu betreiben gezwungen waren. Dabei vermerkte man Schulden anfangs nicht auf Papier, sondern einem Holz, in das man Kerben schlug, um die Schulden zu erfassen. Wer also viel auf dem Kerbholz hatte, schuldete noch so manches. Der Leser dieser Website Imre bestätigte dies: Ein Kerbholz war eine mittelalterliche Art der Buchführung. Es gab immer ein Gegenstück, das gegen das Kerbholz gelegt wurde. In beide wurde dann eine Kerbe geritzt, so dass gezeigt werden konnte, wer wem etwas schuldete. Viel auf dem Kerbholz haben, heißt also, sich viel zu Schulden kommen lassen. Es hatte also schon immer die negative Bedeutung, die es auch heute hat.
Wo wir schon bei Kerbhölzern und dem damit verbundenen Sprichwort sind, können wir ja noch einen weiteren Ausdruck einbringen. Hatte jemand Schulden von sagen wir einmal zehn Münzen, so war das ein X (römische Ziffer 10). Und wer den Gläubiger glauben machen wollte, das sei gar kein X, sondern ein V (römische Ziffer für 5 und identisch mit dem Buchstaben U), der wollte dem Wirt „ein X für ein U vormachen”.
Säumige Zahler wurden in der Stadt verhaftet. Wollte der Schuldner dem Gläubiger entkommen, musste er rechtzeitig in eine Kirche flüchten. Wobei: Kann er. Muss er aber nicht. Soll er aber. Kann er auch, darf er auch. Aber muss er halt nicht. Er kann nämlich auch ins Badehaus gehen. Darf er, wenn er nicht krank ist. Ist er nicht, soll er gehen. Wenn er kann. Muss er aber nicht. Fazit: Im Badehaus genießt ein Schuldner ebenso Immunität wie in der Kirche. Sollte der verehrte Leser das nicht verstanden haben: Egal, muss er nicht.
Nun, so war es in der Stadt, also muss es wohl auch auf dem Dorf so gewesen sein, dass säumige Schuldner verhaftet und eingesperrt wurden, oder? Nun, das Problem war, dass man dazu ein Gefängnis brauchte, und Gefängnisse waren im Mittelalter weniger verbreitet. Natürlich konnte nicht jedes Dreißig-Seelen-Dorf einen Knast haben, außerdem war die Arbeitskraft eines Dorfbewohners (auch, wenn er gerade Schulden hatte) zu wertvoll für die Dorfgemeinschaft, als dass man ihn einfach hätte wegsperren können. Aus demselben Grunde waren körperliche Strafen im Übermaß auch ungeeignet, denn nach ein paar Stockschlägen war man in der Regel nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Darum erfand man mit der Zeit andere Mechanismen, die vor allem darauf hinausliefen, den Schuldner zu kennzeichnen und seinen Lebensstandard zu verringern. Ein feines Beispiel sind die Alemannen, die dem Schuldner ein totes Tier, meist einen Hund, an den Dachgiebel hingen. Dort verrottete dieses Tier dann, denn was sollte man so als Kadaver sonst auch machen? Das stank, das sah ungemein blöd aus, und das kennzeichnete das Haus des Schuldners, was ihm erschwerte, Geschäfte zu machen. Erst nach erfolgter Zahlung durfte er das Vieh wieder abhängen. Es ist fast schade, dass es diese Sitte heute nicht mehr gibt, denn so manches Haus, von dem man es nicht vermuten würde, hätte dann plötzlich einen großen Zuwachs an Modergetier.
Nun konnte man Geld nicht nur Handelspartnern schulden, sondern natürlich auch dem Staat. Die ersten Steuern gab es schon um 3000 v. Chr., also in der frühen Steinzeit. An erster Stelle gab es natürlich den Zehnt. Wobei der Zehnt nicht die einzige Form der Steuer im Mittelalter war. Öffentliche Abgaben gab es verschiedenste, und damals wie heute ist die Kreativität der Mächtigen erstaunlich, wenn es darum geht, möglichst vielen Leuten möglichst viel Geld abzujagen oder eben statt Geld Arbeit oder Sachen. So gab es nicht nur den Zehnt, sondern auch einen Kopfzins, einen Weidezins (also eine Art Grundbenutzungssteuer), einen Wachszins zur Finanzierung der Kerzen in der Kirche, ein Laudemium (eine Art Grunderwerbssteuer, freilich, ohne dass dem Bauer nachher das Land wirklich gehörte), eine Judensteuer, eine Heiratsgebühr, die Kirchensteuer, und Zar Peter von Russland erhob sogar eine Steuer auf das Tragen von Bärten, dass seinerzeit ein Privileg der Reichen war. War das alles? Nein, immer noch nicht, denn zu Zehnt und Zins kam noch der Frondienst, und etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit verbrachte ein Bauer in der Fron bei seinem Fronherrn, wo es dessen Felder beackerte. Natürlich musste auch seine Frau ran, Kleider nähen und Ochsen treiben. Und Gebühren? Klar, gab’s auch noch. Für die Benutzung der herrschaftlichen Mühle, Bäckerei, Kelter, die Holzfällerei und und und. Und reichte das nicht aus, so konnte der Lehnsherr noch eine Sondersteuer erheben, eine so genannte Bede. Das mag nun alles sehr viel klingen, doch vergleicht man das mit den heutigen Steuersätzen, den Gebühren und der Leistung, die man dafür erhält, muss das Mittelalter abgesehen vom Frondienst selbst in dieser Hinsicht ein Paradies gewesen sein.
Den Zehnt musste man nun auch nicht zentral an einem bestimmten Tag im Jahr abliefern, wie man vielleicht glauben mag. Es wäre etwas unklug, wenn alle Bauern plötzlich am selben Tag vor dem Gut des Lehnsherrn stehen würden und jeweils den zehnten Teil des Fleischs, des Obstes, des Getreides und des Klopapiers zugleich abgeben würden. Also teilte man das Ganze auf, und zwar nach Gebieten und nach Art des Zehnten. Beispielsweise musste Bauer Trollfurz der Stinkende am Johannistag ein Zehntel des in diesem Jahr geschlachteten Viehs abgeben und am 25. 5. den Früchtezehnt, während Bauer Hein Rülps vom Sauhaufen erst zwei Tage nach Trollfurz mit dem Fleischzehnt dran ist, dafür aber am 22.5. schon den Früchtezehnt abgeben musste usw. Dadurch wurde das Lager nie zu voll und der Lehnsherrenbauch nie zu leer.
Steuern wie der Zehnt können ganze Stadtbilder prägen oder ganze Gesellschaften. Will die Regierung den Konsum eines bestimmten Guts fördern, so erlässt sie Steuern, will sie den Konsum des Guts hemmen, steigert sie die Steuern, will sie einfach nur verdienen, erhöht sie die Steuern bis eben so gerade an die Schmerzgrenze des Bürgers. Will die Regierung möglichst viel Geld verbrennen, subventioniert sie Güter. Lohnt sich theoretisch sogar, aber nur, wenn die Ausgaben durch die Versorgung arbeitsloser Bauern oder Bergleute höher sind als die Ausgaben durch Subvention. Was nicht gilt, wenn das Geld ins Ausland geht, wie beispielsweise in den deutschen Subventionen europäischer Bauern um die 2. Jahrtausendwende n. Chr..
Ein schönes Beispiel für die Prägung des Gesellschaftsbildes ist die Bartsteuer des Zaren Peter des Großen. Er hatte eine Steuer auf Bärte erhoben, weil es sich dabei um eine Art Statussymbol des Adels handelte und nun immer mehr Bürgerliche versuchten, es den Adeligen nachzutun.
Sehr positiv wirkte sich die Steuerreform in England 1834 n. Chr. auf das Stadtbild Londons aus. Man hatte dort nämlich allen ernstes bis dahin Steuerbescheide auf so genannten Finanzbehördenhölzern ausgestellt, also auf einer Art Kerbhölzern. Mit der Steuerreform aus dem Jahr 1834 n. Chr. stellte man dann auf Papier um, verbrannte aber die alten Kerbhölzer unter derart sträflicher Verachtung aller Vorsichtsmaßnahmen, dass kurz darauf das ganze Parlament komplett niedergebrannt war. Es musste ein neues Parlamentsgebäude her, und so baute man bis zum Jahr 1860 n. Chr. den berühmten Big Ben
Ach so, nicht zu vergessen ist noch die Abgabe für gefundene Schätze. Wer nämlich einen großen Schatz gefunden hat, wurde noch lange nicht reich. Es sei denn, der Schatz lag gerade mal so tief vergraben, dass man mit dem Pflug drauf stoßen konnte. Ansonsten gehörte er dem König, so spricht die Rechtsprechung des europäischen Mittelalters, und so sprach auch der berühmte Sachsenspiegel.

Ein berühmter Schatz ist sicherlich der aus Goethes Faust. Dort beschrieb Mephisto einen wunderbaren Schatz aus Löwenthalern. Ein bisschen hat sich der liebe Goethe aber dabei vertan, denn Faust spielte nach Angaben des Dichters im 15. Jahhundert n. Chr., aber die ersten Löwenthaler wurden erst 1575 n. Chr. geprägt.

Wie auch immer, damit haben wir das Thema Handel durchverhandelt, und der Anonyme Christ hofft, eine Win-Win-Situation zur Zufriedenheit aller Konsumenten erreicht zu haben. Wer jedoch glaubt, dass der Anonyme Christ auf seine Aussagen eine Gewährleistung oder Garantie gibt, irrt, denn das war nicht Verhandlungsgegenstand.

Mehr zum Thema:

  • Von Vollstreckung und Hinrichtung Hier befindet sich der gebogene, pardon, geneigte Leser im Kapitel über die diversen Arten der Hinrichtung und dessen, was damit zu tun hat.
  • Von der Fehde und dem Rechte Der Anonyme Christ hebt an dieser Stelle zu einem recht großen Kapitel an, welches sich mit den Begebenheiten und Seltsamkeiten juristischer Regelungen befasst.
  • Von der Stadt und den Zünften Die Städte und das Handwerk, das das Bild der Städte früher prägte, sind die Themen dieses Kapitels.

Diesen Artikel per Mausklick bewerten

FurchtbarNicht so tollGanz OKGut!Super! (2 Bewertungen bisher, Durchschnitt: 3 von 5)
Loading ... Loading ...

Kommentar? Frage? Berichtigung?   ...oder Eintrag ins Gästebuch?

Der Inhalt dieser Webseite ist urheberrechtlich geschützt! Die Verwendung, Verbreitung oder Wiedergabe von Texten, auch Auszugsweise, sowie Bildern und Grafiken dieser Seite ohne vorherige schriftliche Genehmigung durch den Autor ist ausdrücklich untersagt. Wenn du zitieren willst - bitte sei so nett und frag einfach vorher den Autor!

teucom.net ...denn teucom ist nett!
Hier gehts zu  Mittelalter Top 100 Listinus Toplisten BeliebtesteWebseite.de Mittelalter-Portal TempusPorta
//content