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Von der Stadt und den Zünften

Aktualisiert am 24. Juli 2008 von Ali

Die Städte und das Handwerk, das das Bild der Städte früher prägte, sind die Themen dieses Kapitels. Wir werden uns – abgesehen von einigen Exkursionen zum thema Umwelt - ein bisschen auf den mittelalterlichen und postmittelalterlichen Straßen umsehen und bemerken, dass vieles vielleicht nicht so war, wie man das heutzutage in Filmen sieht. Das fängt schon mit dem Straßenpflaster an. Mittelalterliche Strassen sind nämlich nicht so gepflastert, wie uns die Filme gerne glauben machen. Das Leben in der mittelalterlichen Stadt war eine echte Schlammschlacht, denn die wenigsten Strassen waren gepflastert. Kopfsteinpflaster weckt zwar in uns eine eher mittelalterliche Assoziation, und auch Monumentalfilmregisseure zeigen gerne saubere, gepflasterte Strassen in ihren Werken, doch erst das Ende des Mittelalters und die Zeit der extrem reichen Handelsstädte ab dem 14. Jahrhundert n. Chr. erlebte diesen Straßenausbau, so zum Beispiel Paris 1185 n. Chr., Prag 1331 n. Chr. , Nürnberg 1368 n. Chr., Basel 1387 n. Chr. und Augsburg 1416 n. Chr.. Hinzu kam das Problemchen mit der fehlenden Kanalisation und den dementsprechenden, äh, Schwimmkörpern auf der Straße. Alles in allem trug man damals nicht umsonst so genannte Trippen oder auch Blocks, also eine Art Blöcke, die man auf der Strasse (besonders nach Regen) unter die Schuhe band. Mit diesen Trippen konnte man auf Treppen tappen, auch Truppen in den Tropen trabten mit Trippen, und wer einen Troppen trank und ohne Trippen tappte, konnte tippen, dass er nachher neue Schuhe brauchte. Einige Städte erforderten sogar Stelzen (ehrlich!). Nur im Sommer, da war ja alles trocken, da lief man oft sogar barfuss über die getrocknete Kacke. Übrigens kannten schon die Römer das Problem und nannten ihre Trippen Sculponeae. Die Franzosen wiederum nannten die Teile Sabots, und bis heute findet sich dieses Wort auch im Deutschen wieder, denn wer seinem Nachbarn oder Herrn schaden wollte, zertrampelte die Ernte. Das nannte man dann Sabotage. Statt das Holz an die Schuhe zu binden, legte man in vielen Städten auch eine Art Stege über die Straßen, was aber den Nachteil hatte, dass dieses fertig geschnittene Holz natürlich trotz Strafandrohung bei der Bevölkerung als Baumaterial sehr beliebt war. Als der Holzmangel stieg, sank natürlich die Anzahl der Stege ohnehin.
Zur Schlammschlacht kam noch der Müll hinzu. Es war nämlich streng verboten, Müll in Städten zu verbrennen, denn wenn es eines gab, wovor der mittelalterliche Stadtbewohner und die mittelalterlichen Stadtväter sich fürchteten, dann war es Feuer. Äh, und die Pest. Und die Inquisition. Und Diebe. Und den ehemaligen Lehnsherrn. Und Lepra. Und Flöhe. Äh, na gut, aber hauptsächlich Feuer, denn dies breitete sich unglaublich schnell in den Gassen aus, wenn es einmal entfacht war. Darum hätte garantiert keiner gewagt, Müll innerhalb der Mauern zu verbrennen. Stattdessen ließ man ihn einfach vor der Tür liegen, aber nur so lange, bis die Stadtväter in den meisten Städten anordneten, der Müll sei nach draußen ein Stück weit vor die Stadtmauern zu transportieren. Das stank zwar zum Himmel, aber immerhin waren die Straßen sauber. Alle vier (Nürnberg) oder acht Tage hatte das zu geschehen (Douai; Frankfurt). So, und da wurde Müll dann natürlich nicht mehr verbrannt, sondern rottete so vor sich hin. Nicht hübsch, aber ein wertvolles Ökosystem für sich. Allerdings auch ein Problem. Fast jeder hatte auf dem Land einen Komposthaufen gehabt, und genau der landete in den Städten auf der Straße. Schweineställe gab es zuhauf in den Städten. Ein Sohn Ludwigs des Dicken ist sogar 1131 n. Chr. vom Pferd gefallen und hat sich das Genick gebrochen, weil ein Schwein seinem Gaul zwischen die Beine gerannt ist - mitten in der Stadt.

Der Gassenkehrer verrichtete im Mittelalter einen bei weitem ekligeren Job als ein heutiger Straßenkehrer, denn damals lagen in der Straße nicht nur die McDaddel-Tüte und die Pizza-Service-Speisekarte, sondern eigentlich alles, was man im weiteren Sinne als organischen Abfall bezeichnete. So wühlte sich der Gassenfeger täglich durch Kot und Kadaver, Unrat und Urinsteine, Pack und Plazenta, und so war es klar, dass sein Ansehen nicht wirklich gut war. Daher wurden auch gerne Strafgefangene zu dieser Arbeit verdonnert. Übrigens nannte man die Gassenkehrer auch Bachkehrer, und die Nürnberger kannten sie als Pappenheimer, womit wir mal wieder eine Redensart entwirrt hätten.

Den Rasenmähermann gab es damals auch schon, er hieß Gräser und war eine Art Gemeindearbeiter in den Städten.

Früher also war die Luft manchmal nicht besser als heute. Wobei: Wer sagt eigentlich, dass die Luft der Zukunft schlechter sein wird als die heutige? Nun, leider sagen das mehr als fünfzig Prozent der Deutschen nach einer Umfrage von 1997 n. Chr.. Doch die Zahlen sprechen total dagegen und besagen eindeutig, dass der Zenit der Luftverschmutzung längst überschritten ist. Ein paar Beispiele aus Deutschland: Von 1970 bis 1992 n. Chr. ging die Schwefelmonoxidverschmutzung um mehr als 75 Prozent zurück, zwischen 1975 und 2000 n. Chr. hat sich der Kohlenmonoxidausstoß halbiert, die Stickstoffoxide fielen 1990 n. Chr. endlich wieder unter den Stand von 1975 n. Chr. und sind seit dem rückläufig, die VOC-Emissionen sanken seit 1990 n. Chr. fast um die Hälfte, 2003 n. Chr. wurde nur noch ein Drittel des Staubes ausgestoßen wie 1990 n. Chr., von 1982 bis 1997 n. Chr. wurde die Dioxin- und Furanemission gezehntelt, der Schwermetallanteil der Luft ging je nach Metall von 1985 bis 1995 n. Chr. um sechzig bis achtzig Prozent zurück. Seit 2000 n. Chr. gibt es auch erste Ansätze zur Reduktion des Russpartikelausstoßes von Dieselmotoren, doch bleibt hier noch genug zu tun. Deutsche Großstädte melden regelmäßig historische Tiefstände in Sachen Luftverschmutzung, und selbst weltweit sieht es inzwischen ganz gut aus. Sogar Mexico City, die anerkannt schmutzigste Stadt der Welt, tut inzwischen viel für seine Luft (war ja auch mal Zeit). Auch in den USA, von vielen als sorgloser Umweltsünder verschrien, zeigen die Luftwerte deutliche Verbesserungen in den letzten Jahren. Übrigens ist die Industrie nicht der Hauptschuldige an der Luftverschmutzung, sondern der Verkehr (wenn man die Lastwagen dazuzählt, kommt natürlich noch ein ganzer Batzen für die Industrie hinzu, schon klar).

Überhaupt ist es nicht der Mensch, der für die schlimmsten Luftverschmutzungen zuständig ist, sondern die Natur selbst. Ein Drittel der Stickoxide entstehen zum Beispiel weltweit nicht durch den Menschen, sondern durch Blitze. Schwefel wird weltweit von Vulkanen dreimal so viel produziert wie vom Menschen, Chlorkohlenstoff wird von vielen Organismen ausgeschieden, ein Viertel der Chlorkohlenstoffbelastung ist natürlicher Ursache, und Methan, ein so genanntes Treibhausgas, wird vor allem von Pflanzenfressern aller Art ausgeschieden, und zwar durch unzählige kleine (Maus) und große (Elefant) Pupse. Das macht auch immerhin dreißig Prozent des Methanausstoßes aus. Dem morgendlichen Geruch im Schlafzimmer des Anonymen Christen nach zu urteilen, ist er einer der ganz großen Umweltsünder.

Das heißt nun auf keinen Fall, dass ihr Sterblichen nicht gesündigt hättet in Sachen Umwelt, aber die Auswirkungen sind meist regional zu spüren, wie zum Beispiel in den zehn dreckigsten Städten der Welt, also im peruanischen La Oroya, im sambischen Kabwe, im indischen Sunkinda oder im chinesischen Tiang Ying mit ihrem Blei-, Chrom- und/oder Kupferabbau, im indischen Vapi oder im aserbaitschanischen Sumgayit mit ihren Chemiebetrieben und der ungefilterten Luft und dem ungeklärten Quecksilber-Wasser. Oder aber im russischen Nosilsk, in dem ein Drittel des weltweiten Nickels abgebaut wird und der Schnee schwarz statt weiss ist und in dem die Lebenserwartung zehn Jahre niedriger ist als im russischen Schnitt, oder gar im ebenfalls russischen Kampfgas-Herstellungs-Standort Dserschinsk. Auch Millionenstädte sind teilweise derart dreckig, dass man generell mit Mundschutz vor die Tür gehen muss, wie in der chinesischen Industrie- Auto- und Kohlestadt Linfen. All diese Orte haben gemeinsam, dass bestimmte Krankheitsbilder wie Krebs, Nieren- oder Atemwegserkrankungen dort erheblich häufiger vorkommen als anderswo und dass die Lebenserwartung niedriger und die Rate angeborener Leiden von Kindern höher ist als sonst wo. Die größten Umweltsünder in dieser Hinsicht sind die Chinesen, denn gut zwei Drittel der dreckigsten Orte der Welt sind chinesisch. Der Topfavorit der Umweltverschmutzung aber ist das inzwischen ukrainische Tschernobyl, bei dem es am 26.04.1986 n. Chr. in einem Atomkraftwerk zu einem Supergau kam, wobei GAU für „größter anzunehmender Unfall“ steht. Dort ist etwa hundert Mal soviel Radioaktivität ausgetreten wie bei beiden im zweiten Weltkrieg geworfenen Atombomben zusammen. 135.000 Leute wurden evakuiert, und Experten wissen, dass das viel zu wenige waren. Inzwischen ist eine 30-km-Sperrzone um Tschernobyl errichtet und das ehemalige Atomkraftwerk wurde in einen dicken so genannten Sarg, eine Hülle aus Beton, gepackt. Sie wird circa 30 Jahre halten – und dann? Die Anzahl wahrhaft genetisch mutierter Menschen, insbesondere Kinder, ist dort riesig, und für viele wurde das Leben zu einer unsäglichen Qual von Krebs und Krankheit. Innerhalb eines Tages war dort alles leer und tot.

Dies als makabere Überleitung zurück zum Thema Städtezeit: Nachts waren die Straßen dort leergefegt und stockdunkel. Wer also als Zecher nach Hause wollte, musste sich einen Laternenträger mieten, welche ab dem 17. Jahrhundert genauso gelangweilt vor den Kneipen rumlungerten wie die Taxifahrer heute. Der Läufer war etwas ähnliches, nur, dass er vor Kutschen herumlief und nachts leuchtete (genau genommen leuchtete nur seine Laterne), tagsüber aber den Weg freibrüllte.

Auch Wächter gab es überall, auch auf dem Kirchturm, da nannte man das Ganze dann Türmer. Da Kirchen damals Asyl gewährten und Verfolgungen im Kirchengebäude nicht erlaubt waren, war einer, der türmte, niemand anderes als jemand, der sich auf den Kirchturm flüchtete.
Der grausame Gestank war sicherlich eine weniger angenehme Seite am Stadtleben des Mittelalters. Dass die Luft früher noch viel schlimmer war als heute, beweist der Spruch “immer der Nase nach”. Früher roch man eine Stadt schon meilenweit, weil sich wie gesagt vor den Mauern der Müll türmte. In der Stadt selbst war es nicht besser; es roch penetrant nach Kacke, den man leerte seinen Nachttopf auf die Straße oder - wenn man einen Garten hatte - in den Garten. Dieser war dann oft auch eher ein stinkender Sumpf denn ein Ort für entspannte Grillpartys. Doch irgendwann erkannte man die Schädlichkeit von Umweltgiften. Klingt seltsam, ist aber gar nicht mal so falsch, doch unterschätzte man die Gefährlichkeit von Umweltgiften Jahrhunderte lang. Beispielsweise leitete man Quecksilber, Bleipartikel, Kadmium, Gerberei- und Färberei-Überreste in die schnell fließenden Flüsse und brachte sie auf verschiedenste Weise ins Grundwasser, durchaus im Glauben, diese Stoffe würden nicht weitertransportiert, sondern das Wasser reinige sich selbst. Das ist zwar nicht falsch, doch gibt es erstens so manchen Stoff, von dem sich das Wasser in dem Maße nicht erholen kann, und zweitens badete man fröhlich selbst in Flüssen, in die der Nachbar flussaufwärts gerade seine Notdurft verrichtete, seine Schweine saufen ließ und seine Färberei-Rückstände entsorgte. Vor allem verkannte man die Schäden, die Leute durch diese Umweltsünden mitbekamen, oft als Schwindsucht, Schwäche, Fehlernährung, ein schlechtes Gleichgewicht der Elemente und gar astrologische Phänomene. Heutzutage - das muss man der Industrie lassen - bemüht man sich gerade dort sehr viel mehr um Umweltschutz, wenn auch schwarze Schafe immer mal wieder ganze Branchen in Verruf bringen.
Dennoch, so wird nun der omnipräsente Umwelthysteriker lamentieren, werden wir bald alle in Müll ersticken. Dieses panische Gelabere der Aktivisten entbehrt inzwischen aber ihrer früheren Grundlagen. Dazu müsste sich die momentane Entwicklung nämlich wieder total umdrehen. Die Deutschen produzieren nämlich inzwischen derart wenig Müll, dass den Verbrennungsanlagen der Stoff ausgeht. Jede Müllart ist seit 1990 n. Chr. kontinuierlich gesunken, Hausmüll, Bergemüll (Müll aus dem Rohstoffabbau), Industriemüll, Sondermüll. Nur Bauschutt stieg etwas an, der Bautätigkeit in den neuen Bundesländern bis um die zweite Jahrtausendwende wegen. Aber auch der geht inzwischen wieder zurück. Daher fallen die Entsorgungsanlagenbetreiber über jedes Kilo Müll her wie ein ausgehungerter Troll über einen knusprigen Elfenschenkel. Diese Entwicklung wird sich überall dort ebenfalls zeigen, wo die Gesellschaft reich genug ist, sich über das Müllproblem einen Kopf zu machen, also statistisch gesehen da, wo das Pro-Kopf-Einkommen die 3500-Dollar-Marke übersteigt. Da lamentieren Umweltfundis, das man so als US-Bürger 750 kg Müll pro Kopf produziert, und schreibt nicht einmal dazu, dass dies nur der Quotient Müllgewicht durch Köpfe ist, ohne Rücksicht darauf, dass es sich zu neunzig Prozent um Bergemüll und Bauschutt handelt, von dem wiederum achtzig Prozent Steine sind. Übrigens ist nicht nur die Müllmenge gesunken, sondern auch - vor allem in der Industrie - der Anteil, der nicht wiederverwertet wird. Der grüne Punkt, von dem ja viele sagen, dass er nichts genützt habe, recycelt achtzig Prozent des gesammelten Aluminiums, Weißblechs und sogar der Verbundstoffe. Die Franzosen, Belgier, Österreicher, Luxemburger, Spanier, Portugiesen und gar die Japaner ahmen das System inzwischen nach bzw. arbeiten daran. Die DDR hatte ein Wiederverwertungssystem, dass ebenfalls vorbildlich war und auch Pate für heutige Systeme stand. Auch abgesehen vom grünen Punkt recyclen die Deutschen mit wachsender Begeisterung: Neun Prozent des Glasmülls wurde 1975 n. Chr. recycelt, 1993 n. Chr. schon 65 Prozent. Altpapier liegt über achtzig Prozent Recyclingquote, viele Metalle kratzen an der 100-Prozent-Marke. Einzig der Löwenanteil des Mülls, nämlich Bauschutt, macht noch Probleme, aber auch hier ist der Fortschritt nicht aufzuhalten. So wird abgekratzter Asphalt an Ort und Stelle recycelt, und weitere Forschungen laufen in dieser Richtung. Insofern muss selbst die Endzeit gar nicht so vermüllt sein, obwohl es ja die Atmosphäre sehr bereichern würde: Ein patronengurtbehangener ganzkörpergepiercter Endzeit-Rollenspiel-Charakter mit Flammenwerfer hinter einem Schrottauto als Deckung kommt einfach besser rüber als hinter einer gelben Tonne.
Das Problem der mittelalterlichen Städte mit dem Müll und der schlechten Infrastruktur war einfach das, dass die Städte zu schnell gewachsen waren. Man wollte damals in ganz Deutschland die Leute in die Städte locken und proklamierte deshalb: “Stadtluft macht frei!”. Das Ganze war kein Gag, sondern ernst gemeint. Wer in die Stadt zog, konnte dem Leben als Lehnsdiener entgehen und sich auf eigene Beine stellen. Dass das alles andere als einfach war, dürfte einigen Leuten später erst klar geworden sein. Wie auch immer; die Städte erlebten in der Zeit darauf eine Blütezeit ohnegleichen, die sich im Wohlstand der Hansestädte und der Handelshäfen später zu einer echten Hochblüte entwickeln sollte.
Eine kleine Schwierigkeit gab es allerdings schon, was die Freiheit der Städter angeht: Man wurde nur frei, wenn man nicht innerhalb von Jahr und Tag (also einem Jahr und einem Tag) von seinem ehemaligen Lehnsherr wieder zurückgepfiffen wurde. Immerhin war man Leibeigener, also Besitztum wie heutzutage ein Haus, ein Hund oder ein Ehemann. Außerdem hatten die Städte nicht gerade einen Stein im Brett bei den Adeligen, immerhin nahmen sie diesen alleine schon durch ihre Existenz einen Teil ihres Lebensunterhalts.

Das heißt nun noch lange nicht, dass eine mittelalterliche Stadt ab dem 12. Jahrhundert n. Chr. wirklich souverän war. Dass ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die vielen Freiheiten, die Städte damals genossen, lassen uns heute auf den ersten Blick glauben, dass diese Städte unabhängig waren und ihre Bürgerräte machen konnten, was sie wollten. Doch es ist niemals so gewesen. Jede Stadt hatte einen Stadtherrn, sei es der König, Kaiser oder ein Fürst, dem das Land gehörte, auf dem die Stadt stand, oder sei es die Kirche, so wie es zum Beispiel bei Bistumsstädten wie Köln, Trier oder Mainz der Fall war. Die vielen Rechte gestanden die Herren den Städten nur zu, um sie zu vergrößern, denn je mehr Bürger eine Stadt hatte, umso mehr Einnahmen flossen auch in die Kasse des Stadtherrn. Erst so langsam begann die eine oder andere Stadt, sich zu fragen, ob sie ihren Herrn noch brauchten. Schlecht für jenen Herrn.

Die großen mittelalterlichen Städte waren auch aus heutiger Sicht nicht wirklich groß. Ist nicht Größe nur ein Wort, welches versucht, die Vergänglichkeit vergessen zu machen? Und heißt es nicht, dass es nicht auf die Größe ankommt, sondern auf die Technik? Für die weniger philosophisch Verbildeten unter den Lesern: Köln, die größte Stadt Deutschlands um 1500 n. Chr., hatte gerade mal 30.000 Einwohner, und es gab überhaupt nur etwa ein Dutzend Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern. 100.000 Einwohner gab es nur in Rom, Florenz, Venedig und Barcelona, wobei später Paris alle überflügelte. Danach kam dann Genua in ähnliche Größen, wobei Köln dann schon über 50.000 Einwohner hatte, ähnlich wie Palermo, Bologna, Mailand, Gent und Brügge. Übrigens rutschte auch Rom immer mehr in diese kleinere Kategorie. Der Anonyme Christ kommt aus einem Dorf von 3.000 Einwohnern, und das wäre damals eine schon recht ansehnliche Stadt gewesen. Immerhin zählte noch 1125 n. Chr. ein solcher Ort zu den großen, wie es nur 50 in Deutschland gab. Immerhin 200 Jahre später waren schon 50 Städte mit über 5000 Einwohnern in Deutschland, danach kam erstmal die Pest und dezimierte das Ganze ein bisschen. Vierzig bis sechzig Prozent der Stadtbewohner waren übrigens üblicherweise unfrei. 1700 n. Chr. war die größte Stadt Europas wohl London. Es hatte 530.000 Einwohner, das waren 500.000 mehr als die damals zweitgrößte Stadt Norwich. Jedes Jahr wanderten 8.000 Leute zu. Ok, nun wieder zurück zu den philosophisch Verbildeten: Was sind schon nüchterne Zahlen? Wenn Zahlen die Größe einer Stadt bestimmen, kann dann nicht die Entropie ihre Herrschaft auf Erden feiern? Jaja, is ja gut…

So eine Stadt hatte bekanntlich auch eine Stadtmauer. Das Militär und die Stadtväter hielten im Mittelalter die Stadtmauern aber normalerweise nicht in Schuss, sondern die Zünfte. Üblich war es in vielen Städten, dass jede Zunft und jede Handelsgesellschaft ein bestimmtes Stück der Stadtmauer zugeteilt bekam, für das sie zuständig war. Damit hatten die Stadtväter das Problem vom Tisch und die Zünfte und Handelsgesellschaften konnten ihr Zunftwappen an die Mauer pappen und zeigen, dass der Zustand ihres Mauerteils ja viel besser gepflegt war als der der xy-Zunft von nebenan. Zur Blütezeit der Städte waren Stadtmauern in der Regel besser befestigt als Burgmauern, denn die einzelnen Gaffeln (Zunftvereinigungen) bemühten sich redlich zu repräsentieren. Sie übten dort aber auch die Verteidigung der Stadt mit der Waffe, denn Bürger waren ja verpflichtet dazu, und darum schoss und focht man Sonntags auf so genannten Schützenhöfen, wobei Schützenvereine damals weit weniger lächerliche Organisationen waren als die heutigen, die definitiven Erfinder des unfreiwilligen Humors. Schon damals wurden Preise ausgesetzt für gute Leistungen im Training. Auch Frauen übten mit, waren doch auch sie zur Verteidigung der Stadt verpflichtet, auch wenn sie sich im Gegensatz zu Männern - außer den wirklich reichen Männern natürlich - von jener Pflicht freikaufen konnten, indem sie einen Söldner beauftragten.
Selbst die Bewachung der Stadt war nicht nur Aufgabe der Soldaten, ergänzte der Leser dieser Website Imre. Ab dem 14. Jahrhundert n. Chr. gab es die ersten Wehrverordnungen, die es allen freien Bürgern einer Stadt auferlegten, wann und in welcher Ausrüstung sie Wehrdienst zu absolvieren hatten. Dabei waren sie nach der Grundausbildung und ein paar Monaten Panzer… äh… Pikenputzen noch lange nicht erlöst. Solange sie eine Waffe tragen konnten, mussten sie in regelmäßigen Abständen die Stadtmauern entlang trotten. Ihre Rüstung und Waffen mussten sie selbst stellen, fest geregelt nach Stand und Einkommen des jeweiligen Bürgers. Von der Pike oder dem Speer als Standartwaffe bis hin zum Schwert und Plattenrüstung war alles geboten. Und es war bei Strafe verboten, diese Ausrüstung wegzugeben. Danke Imre!
Wobei man nicht einmal in einer Stadt leben musste, um Rechte und Pflichten eines Bürgers zu besitzen. Im Grunde war es so wie in Monaco. Viele extrem reiche Leute sind Bürger von Monaco, weil dort die Steuerlast so klein ist, sehen das Königreich Monaco aber nur einmal im Jahr für ein paar vorgeschriebene Tage. Früher nannte man solche Leute Pfahlbürger oder auch Ausbürger. Sie besaßen das Bürgerrecht einer Stadt, wohnten aber auf dem umliegenden Land. Im Kriegsfalle konnten sie sich in den Schutz der Stadt begeben, mussten aber wie alle anderen auch Steuern zahlen und in einigen Städten ein paar Quadratmeter Grundstück in der Stadt besitzen. Auch die Regelung mit der Mindestzeit innerhalb der Stadtmauern ist keine Idee aus Monaco, sondern aus dem Mittelalter. Da in vielen Städten jeder Bürger soundso viele Tage Wachdienst auf der Mauer zu schieben hatte, belief sich die Mindestzeit im günstigsten Falle auf diese Wachdiensttage. Mögliches Zitat eines Wachmanns beim Blick auf das Land außerhalb der Stadt also durchaus: „Verflucht, da brennt einer vor der Stadt mein Haus nieder, und ich Depp steh hier auf der Mauer.“ Übrigens erstreckte sich der Schutz der Stadt nur auf das Gebiet innerhalb der Stadtmauern, somit Pech für unseren wachhabenden Pfahlbürger. Das konnte vor allem in sofern gut passieren, als die Landesherren Pfahlbürger natürlich besonders verabscheuten.
Mauern machte man übrigens nicht nur um die Stadt herum, sondern auch inmitten der Stadt. Diese Mauern waren aber nicht dick und sie hatten auch keine Wehrgänge, also waren sie nicht gerade zur Verteidigung eines Stadtteils geeignet. Es ging vielmehr um einen anderen, sehr gefährlichen Feind, nämlich das Feuer. Brände waren eine Gefahr, die den Stadtvätern und den Bürgern und Unfreien immer im Nacken saß, und so gab es auch schon früh Vorschriften in vielen Städten, die mit Feuer arbeitende Handwerker außerhalb der Stadtgrenzen hielten (Leinenweber, Räucherer u.a.), die das Stapeln von Holz auf den Straßen oder die Aufbewahrung brennbarer Stoffe verboten, die Steuererleichterungen für schwer brennbaren Dachbelag versprachen, den Mindestabstand zwischen Häusern regelten oder den Genuss von Chili con Carne nur zuließen, wenn dieser mit genügend Tequila abgelöscht wurde. (Äh, an dieser Stelle sind die alten Dokumente etwas verwischt und der Anonyme Christ ist sich seiner Interpretation nicht ganz sicher.) Tja, und die dünnen, hohen Feuermauern, damals Schyrmauern genannt, waren auch so eine Maßnahme, die das Übergreifen von Feuer verhindern sollten.
Beispiele für solche verheerenden Feuer gefällig? London, 02.09. bis 06.09.1666 n. Chr.: Achtzig Prozent der Stadt brannte nieder, 44 von 51 Company Halls, 84 von 109 Kirchen und 13.200 Häuser in 400 Straßen. Nicht umsonst ist Straßburg in einem Jahrhundert achtmal abgebrannt, London fünfmal. Tjo, da hätte der Anonyme Christ auch Angst vor Feuer.
Man muss sich mal vorstellen, was es für den einzelnen bedeutete, wenn sein Haus in einem Stadtbrand entflammte. Es gab keine echte Versicherung, keine Hilfe, kaum soziale Abfederung der Misere. Wessen Haus brannte, der konnte maximal in seinen verglühten Keller zurückkehren und hoffen, dass das Feuer einige der Vorräte verschont hatte.

Zeit, uns einmal die Handwerker näher anzusehen, wobei vieles über Handwerker und ihre Zünfte bereits in den Kapiteln über die Geschichte der Regionen aufgezählt ist. Allgemeingültig aber ist, dass es im Ansehen der verschiedenen Handwerksarten gab es immer riesige Unterschiede gab. So waren im Mittelalter der Schmied, der Barbier, der Pferdemetzger oder der Böttcher angesehene Männer, der Rindermetzger, Gerber, Zimmermann und Färber irgendwo in der Mitte und der Bader, Weber, Töpfer und Müller die Dorfärsche. Als am Ende der Feudalzeit die Dorfgemeinschaft stärker wurde, wurde letzterer (der Müller, nicht der Dorfarsch!) allerdings besser angesehen, weil alle Bauern in ihrem Erwerb von ihm abhängig waren. Andererseits kam es hier und da mal zu Übergriffen, weil schwer zu kontrollieren war, ob auch alles Getreide, was man einem Müller gegeben hatte, als Mehl im Sack landete, oder etwa zuviel Molter, also Naturalprovision, einbehalten wurde). Außerdem arbeitete der Müller ja, wenn er eine Wassermühle hatte, am Fluss, und dort war nahe Städten auch oft die Stelle, wo die Huren sich feilboten, weil sie es oft direkt in der Stadt nicht tun durften. Schon sank der Ruf des Müllers. Übrigens galten aus dem Anonymen Christen unerfindlichen Gründen Leineweber als unehrlich.

Die Regeln, an die sich Handwerker früher halten mussten, waren streng. So durfte ein Handwerker beispielsweise nicht auf Vorrat produzieren. Zumindest zur Blütezeit der Zünfte; da war das Produzieren auf Vorrat schlichtweg verboten. Der einfache Grund war der, dass der Preiswettbewerb sich sonst drastisch verschärft hätte (so wie heute halt), und das war den Zünften nicht lieb. Schließlich hatte eine Zunft solange nichts zu fürchten, wie ihre Mitglieder reich waren.

Auch Mindestqualitätsmerkmale waren früher bereits Gang und Gäbe. Die Zünfte achteten durch Prüfungen sehr stark darauf, dass Ware ihrer Zunftmitglieder nicht minderer Qualität waren, die so genannte Messepolizei überwachte dies und vergab sogar Qualitätssiegel. Auch vor der Zeit der Zünfte war es schon üblich, Qualitätsprüfungen durchzuführen und sogar Kontrollsiegel auf die geprüfte Ware zu pappen. Im 14. Jahrhundert zum Beispiel prügelte man mit langen Stöcken wie irre auf eine neue Rüstung ein, und nur, wenn sie das aushielt, bekam sie den Segen der Prüfer. Und in Frankreich sogar ein Prügelsiegel. Die Prüfungsgesellschaften waren wahrscheinlich ständig auf der Suche nach Cholerikern, die auf Rüstungen einschlagen wollten…
Natürlich wollte man dies auch dokumentieren. Dazu pappte man sein Markenzeichen auf die Ware. Der Vermerk “Made in Taiwan” ist also keine Erscheinung der Neuzeit. Nun gut, “Made in Taiwan” stand wohl im Altertum nirgendwo drauf, jedoch stand auf vielen Dingen im neuen Reich des alten Ägyptens der Name des Pharaos. Schwerter trugen zu allen Zeiten auf der so genannten Fehlschärfe zwischen Gefäß (also Handschutz) und dem scharfen Teil der Klinge oft ein Emblem des Herstellers, oder eben auf dem Gefäß selbst. Sogar die berühmten Terracotta-Krieger aus China von 250 v. Chr. trugen Markenzeichen. Und auch auf Rüstungen - insbesondere im Mittelalter - waren regelmäßig Embleme der Hersteller. Der Vermerk “Do not eat!” stand allerdings auf keiner Rüstung, sondern ist eine Erscheinung neuzeitlichen amerikanischen Rechts. Die meisten Ritter wussten, dass sie ihre Rüstungen nicht essen durften.
Dabei ist die Bezeichnung Made in Germany ursprünglich kein Qualitätssiegel gewesen, sondern eher das Gegenteil davon, nämlich ein Anti-Qualitätssiegel. 1887 n. Chr. hatten die Briten nämlich beschlossen, sich selbst vor ausländischen Waren zu schützen. Dazu erließen sie ein Gesetz, dass die Einfuhr von Waren verbot, die nicht deutlich mit dem Herkunftsland gekennzeichnet waren. Nun wird der weltgewandte Leser sicherlich anmerken wollen, dass angesichts der britischen Küche, der britischen Fußballfans und der britischen Verkehrszustände ja wohl eher der Rest der Welt von den Briten geschützt werden müsse als umgekehrt. Früher aber war es so, dass die britischen Waren in der Tat besser waren als die Waren vom Rest der Welt, speziell als die deutschen Produkte. Die Briten waren nämlich 1887 n. Chr. hoch industrialisiert, die Deutschen noch nicht. Kein Land war seinerzeit so modern wie jene Insel. Doch die Briten hatten die Rechnung ohne die Deutschen gemacht. Diese legten sich nämlich mächtig ins Zeug und meldeten alleine bis 1900 n. Chr. zwölf Mal so viele Patente an wie die Briten. In einigen Industriezweigen wie Chemie und Elektrotechnik überholten die Deutschen die Insulaner wie eine Chrysler Viper einen Schubkarrenläufer. Dadurch wurde aus dem Makel Made in Germany das Qualitätssiegel Made in Germany.
Es gab übrigens auch unter den Mächtigen dieser Welt echte Handwerker. Zar Peter der Große von Russland arbeitete lange auf englischen und holländischen Werften, um etwas über den Schiffsbau zu lernen. Kaiser Babur vom Mogul-Reich war ein begeisterter Gärtner, und Ferdinand II. erlernte das Brauhandwerk, bevor er als Friedrich der Große von Preußen in die Geschichte einging. Selbst Prinz Charles soll ja einen Bauernhof haben und dort gelegentlich Ohr anlegen. Eher gerüchteweise behaupten einige Quellen, Nebukadnezar II. von Babylon habe beim Bau des berühmten Turms von Babylon selbst des öfteren Hand angelegt. Nun ist es nicht einmal klar, ob es diesen Turm jemals gab, aber wer weiß. Das berühmte Ishtar-Tor (ist im germanischen Museum in Berlin ausgestellt) war ziemlich sicher das erste Tor zum Hofe des Marduk-Tempels, und dieser Tempel, den man nie gefunden hat, soll eventuell der berüchtigte Turm von Babylon gewesen sein. Anscheinend muss der Turm wirklich etwas besonderes gewesen sein, denn wenn ein Typ wie Nebukadnezar II, der eine ganze Menge tolle Gebäude wie z.B. die hängenden Gärten der Semiramis auf dem Rücken seines Volkes baute, bei einem Gebäude selbst mitarbeitete, was für einen Mann seiner Position damals wie heute eigentlich undenkbar war, dann ist es klar, dass das Gebäude nie fertig wurde. Bill Gates legt ja auch an seinen Programmen angeblich noch selbst Hand an…
Doch reden wir nicht nur über die Männer, denn in der Tat waren teils gar Frauen die begehrteren Arbeitskräfte. Inzwischen ist das anders, denn die Mutterschutzgesetzgebung verursacht den Arbeitgebern riesige Kosten und wird dort nur noch von den gut gemeinten, aber schlecht gemachten Schwerbehindertengesetzen getoppt. Früher aber gab es eben diese Gesetze nicht, und eine Frau, die vor lauter Schwangerschaft nicht mehr arbeiten konnte, wurde halt durch die nächste Frau ersetzt, die eben gerade mal nicht schwanger war. Das war recht effizient, waren Frauen doch von den Arbeitslöhnen her billiger als ihre männlichen Kollegen. Hinzu kommt, dass früher der Faktor “Sachkenntnis” und “Kenntnis der betrieblichen Abläufe” eine eher untergeordnete Rolle spielten und lange Einarbeitungszeiten nicht anfielen. Mit dem Wort Quotenregelung, das momentan in den weniger fortschrittlichen Fortschrittsstaaten aufkommt, konnte man damals nichts anfangen. Übrigens: Hauswirtschaftliche Berufe waren schon immer eine Domäne der Frauen. Warum gibt es eigentlich da keine Quotenregelung? Bei einem kurzen Aufenthalt in Russland hat der Leser dieser Website Heretic übrigens mit großen Erstaunen festgestellt, dass dort Frauen sogar Straßen bauen. So fragt er: „Woher kommt das? Kommunistische Gleichmacherei? Sind russische Frauen deutlich anders als unsere? Oder sind die Männer alle Schnapsleichen? Immerhin ist Russland laut Newsweek „the worst Country to be a white male“, denn da hat man da eine Lebenserwartung von sage und schreibe 59,8 Jahren, verglichen mit russischen Frauen (72,2 Jahre) recht kurz.“

Recht kurz ist dann auch dieses Kapitel, dass der Anonyme Christ hiermit schließt.

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