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Von Herrschern und Untertanen

Aktualisiert am 24. Juli 2008 von Ali

Dieses Kapitel ist thematisch schwerer abzugrenzen als jedes andere. Es dreht sich um die Herrscher und die Untertanen, die verschiedenen Modelle von Herrschaft und Unterordnung, aber auch um die Kulturen, deren generelle Eigenschaften, um Land und Länder, um Grenzen und Gemeinsamkeiten, kurz: Um alles und nix. Dennoch ließt es sich erstaunlich flüssig für einen eigentlich unzusammenhängenden Brei.

Wir beginnen weit vorne in der Geschichte, nämlich am Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauern. Äh, Entschuldigung, Landwirt. Das war so etwa im Jahre 8000 v. Chr. Man verschätzt sich nämlich, wenn es darum geht, um wie viel effizienter ein Bauer gegenüber einem Jäger und Sammler ist. Man rechnet, dass Landwirtschaft bereits im frühesten Stadium etwa achthundert Mal mehr Leute ernähren konnte als Sammeln und Jagen in einem gleichgroßen Waldstück. Allerdings hatte das Bauer-Sein anfangs auch ziemliche Nachteile. Die elende Schufterei auf dem Feld brachte Knochenkrankheiten, Verschleißerscheinungen und so weiter, außerdem war die Ernährung einseitiger und somit ungesünder. Wer sich mal einen echten Buchhalterhintern angesehen hat, wird wissen, wie sehr die Tätigkeit den Körper formt.
Hätte der geehrte Leser gewusst, dass Bewässerungsanlagen und Staudämme schon die alten Ägypter (aber auch die jüngeren Leute dieses Volks) hatten? 1000 v. Chr. bauten sie schon Staudämme, um Wasser für schwerere Zeiten, Felder und die Trinkwasserversorgung zu haben. Einen so tollen Stau wie heutzutage auf der A2 haben sie allerdings nie hinbekommen.
Der nächste richtig große Effizienzsprung war die Dreifelderwirtschaft. Das ist eine Saat- und Erntefolge, bei der immer ein Feld von Dreien brach, also ungenutzt, daliegt, damit sich der Boden erholt. Ab dem 11. Jahrhundert n. Chr. spätestens wurde diese sehr effiziente Art der Agrarwirtschaft auch bitter nötig, denn die Bevölkerungsdichte in Mitteleuropa hatte sich gegenüber dem Frühmittelalter verfünffacht, und die hungrigen Mäuler wollten gestopft werden. Erst viel später kamen dann weitere Landwirtschaftshilfen wie 1701 n. Chr. Jethro Tulls Saatmaschine, verschiedene Verbesserungen am Pfluge, Menzies Dreschmaschine aus dem Jahre 1732 n. Chr. oder gar die bereits 1834 n. Chr. konstruierte Erntemaschine namens Mähdrescher, außerdem diverse Kunstdüngerarten, welche ihrerseits wiederum ein Artensterben ohnegleichen in der Tierwelt einläutete. Natürlich soll auch der Traktor, 1893 n. Chr. von Fröhlich erfunden, aber erst 1917 n. Chr. von Ford serienreif gebaut, unerwähnt bleiben.
Nun mag das mit den Bewässerungsanlagen und der Dreifelderwirtschaft ja den Gebildeteren unter den Lesern noch bekannt gewesen sein, aber dass die Sense, die man sich ja als Hauptinstrument bei der Getreideernte seit Urzeiten vorstellt, verhältnismäßig jung ist, mag dann doch verwundern. Es gibt nahe liegende Erfindungen, die lange Zeit trotz ihrer offensichtlichen Notwendigkeit nicht gemacht wurden, selbst, wenn das aus heutiger Sicht seltsam erscheint, denn der Schritt von der bereits in der Antike üblichen Sichel zur Sense ist ja nun wirklich nicht weit. Dennoch: Erst im Spätmittelalter setzte sich die Sense gegenüber der Sichel durch und erleichterte das Leben der Bauern. Gevatter Tod war besonders dankbar über diese Erfindung, sah eine Sense in seinen knochigen Händen doch sehr viel Furcht erregender aus als eine Sichel. Der Anonyme Christ entdeckte in einem Buch eine Darstellung des Gevatters von 1564 n. Chr. aus Paris - augenscheinlich wurde der Schnitter recht schnell mit diesem Instrument in Verbindung gebracht. Dabei stellt sich die philsosophisch-theologisch interessante Frage, ob die Sense dem Tod Rückenschmerzen ersparte oder ob man als Skelett ohne Bandscheiben ein solches Problem ohnehin gar nicht kennt.
Weil die Landwirtschaft im Laufe der Jahrhunderte immer effizienter geworden ist, gibt es Landwirte heute nicht mehr so oft, aber früher gab es noch sehr viel mehr von ihnen, als man gemeinhin schätzen mag. Noch im 14. und 15. Jahrhundert n. Chr. waren achtzig Prozent der Leute Bauern. Davor, vor der so genannten Dreifelderwirtschaft, war fast jeder Nichtadelige in irgendeiner Weise landwirtschaftlich tätig, meist hauptberuflich, selten nebenberuflich. Das macht deutlich, wie sehr eine schlechte Ernte oder eine Ungezieferplage die Mägen der Leute treffen konnte, denn zwei oder drei Dürrejahre hintereinander konnten den Untergang ganzer Landstriche bedeuten. Heutzutage ist das Wort Bauer fast schon ein Schimpfwort, doch ein Bauer produzierte damals nur das, was auch gegessen wird. Heutzutage produziert man am Markt vorbei, häuft riesige Butter- und Fleischberge sowie Milchseen an und will dafür vom Staat Geld. Darum heißt man inzwischen auch Landwirt.
Die Dörfer waren damals sicherlich anders, als man es sich heute vorstellt. Ja ja, jeder war schon mal in irgendeinem Freilichtmuseum, in dem ein paar alte Hütten rekonstruiert waren. Aber sich klar zu machen, wie das Leben darin wirklich war, erfordert viel Vorstellungskraft. Die Stille in jenen Dörfern, die ja meist durch Wald voneinander getrennt waren, muss ähnlich intensiv gewesen sein wie in einer Heavy Metal Bar, nachdem jemand sich beim DJ beschwert hat, dass Abba noch nicht gespielt wurde.
Abseits der Straßen gab es auch nicht viel. Nicht einmal Feldwege. Ehrlich! Stattdessen musste man über die Felder anderer Leute latschen, um zu seinem eigenen Feld zu kommen. Damit das nicht in Mord und Totschlag ausartete, gab es eine so genannte Flurordnung. Sie legte die Zeit des Säens und Erntens für jeden Bauer genau fest, so dass man nicht über die Felder trampeln musste, die gerade noch dem Nachbarn das Frühstück gesichert hatten. Die Folge der Flurordnungen war ein zweischneidiges Schwert. Einerseits führte sie zu großer Disziplin unter den Bauern, denn wer seinen letzten Erntetermin verpasste, durfte zusehen, wie seine Nachbarn auf dem Weg zu ihren Feldern sein Getreide platttrampelten. Zweitens war die Motivation der Leute, zum letzten Erntetermin zu Hause zu sein, sehr groß, was hier und da große Probleme machte, wenn sie eigentlich gerade ihrem Herrn in der Schlacht dienen sollten. Hinter den Feldern lag übrigens die Allmende, also das Allgemeineigentum, und das wiederum war alles, was nicht herrschaftlicher Besitz war.

Allerdings waren die Abstände zwischen den Dörfern auch kleiner als heute. Immerhin gab es im Mittelalter in Deutschland fast sechsmal so viele Dörfer wie heute, das heißt, dass die Dörfer auch nicht so weit voneinander entfernt gewesen sein konnten. Wem dies immer noch nicht nah genug vorkommt, der versuche mal, irgendwo in Deutschland unterhalb von 700m über NN einen Hügel zu finden, von dem aus man kein Haus sehen kann. Nein, nicht nachts, auch nicht im Nebel. Nein, auch nicht im Wald… Oh verdammt, manche Leser machen es einem schon schwer…

Denkt man mal genauer darüber nach, so wird man bemerken, dass sich das Leben vieler Menschen im Mittelalter nur auf ein räumlich sehr beschränktes Gebiet erstreckte. Führt man sich des weiteren vor Augen, dass es in weiten Teilen Deutschlands kaum oder keine Nadelwälder gab, so wird klar, dass es für einen normalen Bauern in vielen Regionen Deutschlands alles andere als selbstverständlich war, dass er wusste, was ein Tannenbaum ist. Bevor jetzt wieder die ganz genauen Leser Einspruch erheben: Ja, einzelne Nadelbäume wie zum Beispiel einzelne Kiefern wird man vielleicht auch als mittelalterlicher Normalsterblicher gesehen haben, aber eben nicht die hohen Tannen, und schon gar nicht ganze Wälder davon… zufrieden? Heutzutage kennt die fast jeder, doch auch heute scheinen Stadtkindern grundlegende Dinge vom Lande nicht mehr geläufig zu sein. Der Leser dieser Website Flippah erzählt dazu eine leicht verstörende Anekdote. Bei einer Zugfahrt habe ein Kind neben ihm doch tatsächlich mal ausgerufen: „Guck mal, lauter Kühe-Kinder!“ Das erschütternde war, dass das Kind bereits in der 3. Klasse war. Ein überraschend großer Teil der Stadtkinder malte übrigens anlässlich einer Untersuchung Kühe allen Ernstes in lila. Dies ist kein Scherz, sondern traurige Wahrheit. Dabei weiß doch jeder, dass Kühe eher hellviolett sind.

Nun mag der eine oder andere Leser zustimmend und missbilligend genickt haben, und die Allerallerältesten werden zustimmend „Ja ja, früher war alles besser, früher waren die Menschen noch naturverbunden.“ in ihre Dritten gegrunzt haben. Doch das wäre ein Irrtum. Im Mittelalter betrieb in der Tat fast jeder Landwirtschaft - oder ließ solche betreiben -, aber es ist gar nicht so leicht, der Natur eine gute Ernte abzuringen. Nicht umsonst gibt es ein Erntedankfest, denn ein oder zwei Jahre schlechter Ernte konnten absolut verheerend sein. Das Umweltbewusstsein heutiger Industrieländer gab es früher kaum. Die Natur war gefährlich, musste gebannt und zurückgedrängt werden. Mühsam musste man ihr abringen, was die Familie ernährte, und wehe, es blieb aus! Will heißen, wenn die Menschen früher der Natur wirklich mehr verbunden waren, dann sicher nicht in Freundschaft.

Und naturverbunden sind auch heutige Landwirte definitiv nicht, denn nichts schädigt die Natur so sehr wie Landwirtschaft. Selbst heute besteht über die Hälfte der Fläche Deutschlands aus Äckern und Wiesen. Das ist fast doppelt so viel wie die Fläche des deutschen Waldes. Wohn- und Bürogebäude und Straßen machen zusammen zehn Prozent aus, der Rest verteilt sich auf Freizeitflächen, Seen und Flüsse und zu einem winzigen Teil von unter einem Prozent auf Industrie. Das schlimme an der riesigen Landwirtschaftsfläche ist, dass die Artenvielfalt auf diesen Flächen geringer als die in der Großstadt. Die Böden sind durch Chemie und Bearbeitung derart verändert, dass sie mit dem natürlichen Boden meist nichts mehr zu tun haben. Rund siebzig Prozent des Artensterbens sind direkte oder indirekte Folgen der Landwirtschaft, und dies war auch schon früher so, denn manch scheues Tier wurde durch die Rodung der Wälder zu Zwecken landwirtschaftlicher Nutzung seiner Rückzugsplätze beraubt. Heute ist es sogar so, dass 65 Prozent der Stickstoffeinträge in den deutschen Flüssen direkt aus der Landwirtschaft kommen. Da der deutsche Bauer zur Überdüngung neigt und viel mehr Pflanzenschutz- und Düngemittel auf seine Felder klatscht als nötig, versickern etwa zwei Drittel z.B. der Stickstoffverbindungen ungenutzt im Boden. Landwirtschaftliche Gülle macht neunzig Prozent des deutschen Ammoniakausstoßes aus. Deutsche Ackertiere produzieren mehr als ein Drittel des Methanausstoßes, das macht pro Jahr pro Rindviech etwa dreißig Mal mehr als pro Jahr pro Auto. Doch solange Bauern, sorry, Landwirte Unmengen von Knete für zu viel produzierte Ware bekommen, deren Vernichtung dann weiter zur Umweltverschmutzung beiträgt, wird dies wohl so bleiben. Zwar geht die Giftverwendung durch Landwirte kontinuierlich zurück, aber die Hauptmisere bleibt: Die Landwirtschaftsfläche ist zu groß. Ließe man dort wieder Wälder einkehren, ginge es der Umwelt besser.

Was die Umwelt früher so sehr verschmutzte, war natürlich auch die Tatsache, dass man seinerzeit noch keine Ahnung hatte, dass zum Beispiel ein Kaminfeuer so ziemlich die übelste Art der Luftverschmutzung darstellt, die es gibt (wie auch, man hatte ja eh kaum Alternativen). Insofern sind also Menschen, die auch heute noch meinen, man lebe naturbewusster, wenn man ein Kaminfeuerchen brennen hat, echt üble Umweltsünder. Die höchste Schadstoffbelastung der USA wurde zum Beispiel nicht in einer Großstadt gemessen, sondern in einem kleinen Ort in Oregon, wo jeder, aber auch wirklich jeder, einen solchen Kamin hatte und nutzte.

Früher lagen die Ortschaften auch etwas näher beieinander, waren aber alles dann nur kleinere Häuseransammlungen, meist Dörfchen von unter zehn Häusern. Doch hat dies nichts mit Naturverbundenheit zu tun, sondern mit der schlichten Notwendigkeit, dass man genug Fläche zur Landwirtschaft brauchte, immerhin war ja fast jeder auch Landwirt. Wer heute ein Häuschen im Grünen baut, benimmt sich im Vergleich zu einem Städter in einer Reihenhauswohnung katastrophal umweltschädigend. Immerhin machen Baumaterialien siebzig Prozent aller Rohstoffströme in Deutschland aus. Heißt, wer früher in ein Häuschen im Grünen zog, musste dies tun, um der Natur dort seinen Lebensunterhalt abzuringen, wer heute in ein neu gebautes Öko-Häuschen im Grünen zieht und meint, er würde der Umwelt etwas Gutes tun, ist einfach nur doof.
Doch wir waren ja noch im Mittelalter. Gehen wir nun zwischen einigen Dörfern hindurch, so gehen wir über Stock und Stein. Oder auch nicht. In dem Zusammenhang kommt ein weiterer verbreiteter Irrtum ins Spiel. Er heißt: Der Weg durch eine spätmittelalterliche Gemeinde geht oft über Stock und Stein. Doch das stimmt ausnahmslos niemals. Das heiß nun nicht, dass die Straßen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit so gut waren, dass man nicht über Stöcke und Steine gehen musste, doch wer seinerzeit erzählte, dass er über Stock und Stein gegangen sei, war nicht einer, der eine kurze, aber holprige Strecke hinter sich gebracht hatte, sondern einer, der besonders weit gereist war. Damals nämlich waren Gemeindegrenzen mit Grenzpfählen, also Stöcken markiert, die Landesgrenzen mit Grenzsteinen. Wer also über Stock und Stein ging, reiste über viele Gemeinden und Länder hinweg.
Zu eben jenen Stöcken und Steinen führte früher der Sonntagsspaziergang. Wer im Mittelalter Grund und Boden besaß, musste dafür sorgen, dass dieser in Schuss blieb. Er musste die Grenzsteine kontrollieren, die Äcker begutachten und sehen, ob alles an seinem Platz war. Der Sonntagsspaziergang führte also, sofern der Grundbesitz nicht zu groß war, zur Grenze des eigenen Besitzes, und an den wichtigen Grenzsteinen pflegte man, dem künftigen Hofherrn, sprich dem ältesten Sohn, eine Ohrfeige zu geben, auf das sich dieser die Stelle genau merkte und eine heimliche Versetzung eines Grenzsteines auch wahrnahm, sollte sich der Nachbar als unehrlich herausstellen. Dann nämlich konnte man Anklage erheben, die soweit gehen konnte, dass der Nachbar lebendig am Grenzstein beerdigt wurde, auf dass man sein Herz durchpflüge. Der einzige Nachteil an der Sache mit der Ohrfeige war, dass dem Sohn die Freude am Sonntagsspaziergang vermiest wurde, und vielleicht, dass er sich nicht die Stelle merkte, wo die Grenze war,  sondern die Stelle, an der die Ohrfeige aufgetroffen war. Übrigens: Hierher kommt auch der Ausspruch „sich etwas hinter die Ohren schreiben“ her, wie der Leser dieser Website Flippah ergänzte.
Wer auch nur einigermaßen modern denkt, wird nun aufbegehrend fragen, warum es denn überhaupt Leute gibt und gab, die Land besitzen, während andere nichts haben. Ist es ungerecht, dass nicht alle Menschen gleich sind? Nun, gottgegeben ist nun einmal gottgegeben, denn der Herr hat es so bestimmt, hätte man ihm früher geantwortet. Kein Scherz, die Ergebenheit in seinen sozialen Status war besonders im frühen und im Hochmittelalter sehr groß. Beispielsweise gehörten gut die Hälfte der Leute zu dem, was man Unterschicht nannte, und immer wieder stößt man auf Quellen, die dadurch verblüffen, dass sich die Unterprivilegierten sehr in ihre Rolle fügen, ohne sie jemals in Frage zu stellen. Man kannte erstens nichts anderes, und zweitens glaubte man in der Tat daran, dass Gott es so wolle und es gerechtfertigt sei. Das “revolutionäre” Denken kam regelmäßig immer dann, wenn es den Leuten eine Zeitlang besonders dreckig gegangen war und sie sich langsam davon erholten.
Genau aus solchen Zeiten heraus entstanden Legenden wie die von Robin Hood, leider eine Phantasiegeschichte. Doch, ehrlich! Nun, zumindest ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Robin Hood in der überlieferten Form gab, extrem gering. Es mag durchaus sein, dass es ein Vorbild für Robin Hood irgendwo gab, doch gibt es einige Ungereimtheiten, die die Existenz Robins selbst in Frage stellen. So verbindet man Robin Hood immer wieder mit Herne dem Jäger, dem Geist eines verstorbenen Jägers, der Robin weissagte und ihm half. Jener legendäre Herne aber starb und geisterte ausschließlich im Windsor Great Park, jedoch nie im weit entfernten Sherwood Forest, der Heimat Robin Hoods. Was ebenfalls etwas seltsam ist, die Tatsache, dass Robin Hood angeblich für Richard Löwenherz kämpfte. Jener lebte zwar nachweislich wirklich, doch hätte sich Robin in keiner Weise mit Richie verständigen können, denn sie sprachen komplett unterschiedliche Sprachen. Fazit: Hinter Robin Hood stehen nicht nur Little John, Lady Maryan, zwei Williams und Bruder Tuck, sondern vor allem auch ein großes Fragezeichen. Wobei: Der Leser dieser Website Stormeye relativierte zumindest das Argument mit den Sprachen. Unterschiedlichen Sprachen wären nicht unbedingt ein Problem gewesen, schrieb er. Denn Robin Hood wurde laut Sage als Robin von Locksley, sprich als Sohn eines Landadligen, geboren und hätte zumindest die Möglichkeit zu einer entsprechenden Sprachausbildung gehabt. Nicht dass Adel gleich gebildet bedeutete, aber es ist zumindest möglich, meint Stormeye richtigerweise.
Das Gesellschaftssystem des Mittelalters war das des Feudalismus. Grob gesagt bedeutete das, dass jeder bis auf den König Vasallen hatte, also Leute, die für ihn und sein Land arbeiteten und denen er im Gegenzug Schutz gewährte. Die Vasallen des Königs, die so genannten Kronvasallen, hatten wiederum eigene Vasallen, die wiederum eigene hatten und so fort, bis ganz nach unten zu denen, die überhaupt kein Land von jemandem hatten, konnten. Dies war die Unterschicht, die Schicht der Unfreien. Alle anderen waren Freie. Die Landstücke, die sie von ihrem Lehnsherrn bekommen hatten, mussten sie verwalten, ihm die Abgaben zahlen und ihm in seinen Kriegen beistehen.

So hatte man als Vasall durchaus die Möglichkeit, seinen Lehnsherrn zu verklagen, wenn er seine Lehnsherrenpflicht, nämlich den Schutz der Vasallen, vernachlässigte. Der berühmteste Kläger auf dieser Rechtsgrundlage war Philip August, König von Frankreich seit 1180 n. Chr.. Seinerzeit war England nämlich formell noch Lehnsherr des französischen Königs; eine Tatsache, auf die man übrigens niemals einen patriotischen Franzosen ansprechen sollte. Phillip August brauchte einen Grund, seinen Angriff gegen die Engländer zur Befreiung Frankreichs auf eine rechtmäßige Grundlage zu stellen. So klagte er gegen die englische Krone, genauer gesagt gegen seinen Lehnsherrn König Johann I. von England, weil dieser, statt Frankreich liebevoll zu schützen, weiter darauf herumhackte, wie es in der Geschichte halt schon immer war. Johann erschien natürlich nicht zum Gerichtstermin und verlor somit sein Lehen Frankreich zunächst formell, dann später, als Philip August das Urteil militärisch durchsetzte, auch physisch. Das brachte Johann den Namen ein, unter dem er bis heute in den Geschichtsbüchern steht: Johann ohne Land.
Umgekehrt hätte auch der Johann den Philip verklagen können, denn Philip hatte ihm nie Soldaten zur Schlacht gegen Frankreich gestellt, und auch dass wäre paradoxerweise Philips Pflicht gewesen. Hatte nämlich ein Lehnsherr – im schlimmsten Falle der König – eine Schlacht zu schlagen, ließ er Briefe schreiben und Boten reiten, und zwar nur an seine Vasallen. Diese waren dann in den meisten Fällen verpflichtet, nun entweder die entsprechende Anzahl von Leuten zur Verfügung zu stellen oder aber eine heftige Geldsumme abzudrücken oder gar vom Land zu verschwinden. Teuer wurde ein Krieg jedenfalls immer, denn wenn die Leute im Krieg waren statt bei der Arbeit, verringerte dies die Produktion und der so genannte Zehnte, also die Abgaben an den Lehnsherrn, wurden kleiner. Schon Karl der Große wusste, wie sehr man den Vasallen die Lebensgrundlage nimmt, wenn man sie verdonnert, zu kämpfen statt ihre Felder zu bestellen. Darum traf er folgende Regelung: Wer nur einen Hufen Land besitzt, der soll sich mit zwei anderen gleich Armen zusammentun. Einer der drei soll in den Krieg ziehen, zwei das Land aller drei bestellen. Fair, oder? Nun ja, erstens ist es nie fair, Menschen zum Kriegsdienst zu zwingen, zweitens war das nicht uneigennützig, denn Karl wollte damit vor allem dafür sorgen, dass er auch in Zukunft noch reichen Zehnten bekam.
Nun ist es bekannt, dass Ritter durch den Ritterschlag ihren Stand vom Lehnsherrn erhielten. Das aber stimmt nur bedingt. Als der Ritterschlag Mode wurde, war der Ritter selbst bereits ein Auslaufmodell. Eigentlich übergab der Lehnsherr seinem Vasallen – eben dem Ritter – symbolisch eine Hand voll Erde, denn das Verleihen eines Lehens ist ja nichts weiter als das Verleihen von Land, und im Grunde sind Ritter ganz normale Vasallen, sonst nichts.
Und nicht mal gebildet waren sie anfangs. Im Gegenteil, Ritter waren zunächst Nieder-Adelige ohne jegliche Bildung, schließlich waren Ritter nur zum Kämpfen da und hatten ansonsten oft keine Ahnung von der Welt. Erst später, zur Hochblüte des Rittertums, bekam der Knappe auf seinem Weg zum Rittertum ein bisschen Bildung mit. Der Übergang vom tumben Schläger zum galanten Vorzeigerecken kam, als die Kirche begann, den gemeinen Ritter als ihr Instrument zu benutzen, beispielsweise bei den Kreuzzügen. Dann wurde ein Knappe nämlich systematisch zum Glaubenskämpfer ausgebildet. Seit den Zeiten Friedrich Barbarossas durfte nur Ritter werden, wessen Vater und Großvater auch schon Ritter gewesen war. Das begann mit eben jener harten Ausbildung zum Knappen. Mit sieben Jahren fand sich so ein Knirps an einem fremden Hof als Page ein, lernte dort, wie man einen Falken reitet und wie man ein Pferd auf seinem Arm landen lässt. Die Jagd wurde ebenso gelehrt wie die Tatsache, dass man eine Axt nicht am Blatt, ein Schwert nicht an der Klinge und eine Lanze nicht am Sporn anfassen durfte. Das Ausweiden von Gegnern wurde auch gelernt, allerdings nur, wenn es sich um Wild handelte. Das Schachspiel, die hohe Kunst des Schwimmens und Kletterns, des Bogenscheissens, äh, -schiessens, des Laufens und Ringens… all dies lernte der Kleine bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, ebenso die höfischen Umgangsformen nebst Dichtung und Tischmanieren und eben auch das Lesen und Schreiben. Natürlich war auch hier der größte Teil der Ausbildung kämpferisch, doch lernte man auch hart für Fächer wie Taktik oder Religion. Naturwissenschaften waren weniger gefragt. Eben die Vorläufer unserer Bundeswehr: Ein reines ausführendes Organ. Der Unterschied ist der, dass Ritter oft auch noch etwas zu sagen hatten, was man ja vom Durchschnittsbundi nicht sagen kann. Die unsportlichen Pagen wurden nun Geistliche, die Sportlichen wurden Knappen. Diese Knappen übten sich in all jenem, in dem sie sich später auch als Ritter messen sollten, im Grunde intensivierte man, was man als Page schon erlernt hatte. Einzig von einer musikalischen oder künstlerischen Komponente ist in der Erziehung des Knappen nichts zu finden. Mit frühestens 21 Jahren konnte man dann zum Ritter geschlagen werden.
Der Glaube hatte in der hohen und späten Ritterzeit eine zentrale Bedeutung. Stand ein Ritter morgens auf, so kratzte er sich verschlafen im Schritt ging dann zunächst mal nicht etwa zum Frühstück, sondern zur Kapelle, wo er unter würdelosem Gähnen dem Gottesdienst beiwohnte. Jeden Tag!
Nun hieß das alles noch nicht, dass der Ritter nun immer auch wirklich ritterlich war. Trotz aller Ausbildung galt im hohen Mittelalter immer noch das Recht des Stärkeren, und wer als Ritter reich genug war – und im hohen Mittelalter war das meist noch der Fall -, brauchte gar nicht zu kämpfen, sondern schickte halt seine Leute in die Schlacht, während man zu Hause abwechselnd in Schweinehaxe und in Hurenbrüste biss. Danke an den Leser dieser Website Dave für seine Hinweise zum Thema!
Nicht nur im Kriege ließen sich die Herrschenden gerne vertreten. So gab es Beamte, die man Hofpfalzgrafen nannte und die in Abwesenheit des Königs für diesen Angelegenheiten erledigten, die nicht durch den regionalen Fürsten erledigt werden durften, weil sie besonders heikel waren oder hier und da auch mal gegen die Interessen der regionalen Machthaber verstießen. Dabei waren ebenfalls Stammbaum-Angelegenheiten, aber auch Familienrechtssachen und Ernennungen hoher Beamtenjobs.
Eine ähnliche Position, allerdings etwas niedriger, hatte der Vogt inne. Er war im Grunde ein Verwalter und Beschützer bestimmter Gegenstände, Personen oder Landstriche, also ein Vertreter des Obermotzes in einem bestimmten Gebiet. Je nach Land, Klugheit und Umständen konnten Vogte saumäßig mächtig werden.
Der Hofmarschall verwaltete und leitete die Knechtschaft von Fürstenhäusern, war also so etwas wie der Oberarschkriecher vom Dienst. An königlichen Höfen nannten sie sich Hofmeister, was soviel bedeutete wie Oberhauptarschvorauskriecher vom Dienst. Aber es gab auch Leute, die nur mit einem Zimmer oder einem Flügel eines Hauses betraut waren, nämlich die Kämmerer, grob gesagt die Normal-Arschkriecher ohne Extras. Darunter kamen noch teils hoch spezialisierte Berufe wie Hofsilberputzer oder Hoftafeldecker, aber vor allem viele Dienstmägde und Zimmermädchen, Waschweiber, und Strapaziermenscher, was soviel heißt wie Unterbodensatzniederarschkriecher fünften Grades.
Auch die Leibgarde eines hohen Herrn gehörte natürlich zum Gefolge. Leibgarden schützen ja meist zum Beispiel einen König, also das Oberhaupt eines Staates, einer Nationalität. Insofern scheint es auf den ersten Blick irrtümlicherweise wenig sinnvoll, wenn diesen Job nicht gerade Ausländer übernehmen. Doch Ausländer werden eben gerade deshalb als Nationalgarde genommen, weil die Ausländer sind. Sie verstehen nämlich die Sprache dessen, den sie Schützen, zu wenig, um von irgendwelchen Revoluzzern bestochen zu werden, des weiteren stehen sie ja außerhalb des politischen Systems dessen, den sie da beschützen, würden also nicht aus eigener Unzufriedenheit mit der Politik des Landes gegen ihren Herrn angehen. Berühmte Beispiel für Leibgarden sind die schottischen Bogenschützen der Französischen Souveräne, die skandinavische Garde der Byzantinerkaiser, später deren angelsächsische Garde. Die Hohenstaufen, namentlich natürlich Friedrich II., hatten eine arabische Leibgarde, auch General Franco hielt sich eine ausländische Garde, die so genannte Maurengarde. Übrigens stellt bis heute der britische Special Air Service SAS Leibgarden auf Wunsch. Die berühmteste Garde dürfte die Schweizer Garde sein, denn viele Könige und Fürsten bedienten sich ihrer, nicht zuletzt auch der Papst. Da die Schweiz immer strikt neutral war und sich natürlich Leibgarden aus neutralen Länder mehr eignen als andere, war es nur natürlich, dass die Schweizer Garde fast überall mal diente. Dass neutrale Leibgarden geschätzter sind als parteiische, mag einleuchten, wenn man sich vorstellt, was passieren würde, wenn George W. Bush Leibwachen aus der irakischen Nationalgarde bekäme. Ein schönes Beispiel, dass die Wahl von Ausländern als Leibgarde auch Nachteile haben konnte, war das des Pietro Candiano, 959 bis 976 n. Chr. Doge von Venedig: Seine Leibgarde brachte ihn um. Nun ja, einer seiner Gardisten zumindest verriet ihn. Es ist allerdings nicht gesagt, dass er mit inländischer Garde länger gelebt hätte…
Von diesen Gefolgsleuten nahm der König nun auf Reisen sicherlich gerne ein paar Gefolgsleute mit. Wobei: Ein paar? EIN PAAR? Ein paar hundert Leute käme da schon eher in Frage. Tatsache ist, dass der Hofstaat des Königs, mit dem er unterwegs war, einer ungeheuren Fressmaschinerie ähnelte, die den Besuch eines Herrschers nicht zu einem Segen, sondern zu einer Horrorvision werden ließen. An dieser Stelle hatte der Anonyme Christ recht unkritisch aus einigen Quellen Listen abgeschrieben, was den so ein Hofstaat pro Tag fraß, aber die dezenten und absolut richtigen Hinweise des Lesers dieser Website Mindware haben dazu geführt, dass der Anonyme Christ diese Aufzählungen wieder herausgenommen hat, mangels Glaubwürdigkeit. Klar ist jedenfalls, dass es eine ganze Menge Leute gewesen waren, die damals mit dem König durch das Land zogen.
Hinzu kommt, dass so mancher König Monate lang unterwegs war, teils jahrelang, um sein Land regieren zu können. Er zog sozusagen von Stadt zu Stadt. Alleine beispielsweise der Marsch vom heiligen römischen Reich deutscher Nation aus über die Alpen zur Kaiserkrönung in Rom nahm schon drei Monate in Anspruch.
Nun wird man ganz instinktiv und ohne großes Nachdenken bescheiden, dass viele starke Festungen in einem Land auf einen starken und gefestigten Herrscher hindeuten. Dies aber stimmt in den seltensten Fällen. Viele Festungen bedeuten eigentlich meist, dass ein Gebiet umkämpft ist, und umkämpft ist etwas nur, wenn die Herrschaftsverhältnisse unklar sind. Nehmen wir die vielen europäischen Festungsanlagen an der Ostküste Nordamerikas oder in Indien. All diese Festungsanlagen entstanden nur, weil die Herrschaftsverhältnisse extrem gefährdet waren. Das beste Beispiel ist Europa selbst. Die Adeligen des Mittelalters ließen oft unter Verweis auf die Bedrohung durch die Mayaren, Avaren oder Wikinger Festungen bauen, und sobald diese gebaut waren, tanzten sie ihrem König auf der Nase herum. Teils war die kaiserliche bzw. königliche Herrschaft in Europa nicht den Furz eines gastritischen Goldhamsters wert, und die Adeligen boten ihren Herrschern erfolgreich die Stirn. Wer also an Festungen vorbeireitet und sich nunmehr im Lande eines Herrschers wähnt, der seine Leute im Griff hat, sollte zuerst anfragen, wem denn die Festungen gehören. Allerdings sollte man dabei Festungen im Lande nicht mit strategischen Verteidigungsanlagen wie zum Beispiel dem römischen Limes oder aber der Burgenlinie Heinrichs des Burgenbauers verwechseln, denn hier bedeutet mehr Verteidigungsanlage auch mehr Herrschaftsgewalt. Immerhin kann sich nur jemand um die vorbeugende Verteidigung der Landesgrenzen kümmern, der keine Probleme im Inneren hat. Der Limes aber gehörte auch wirklich dem römischen Staat und Heinrichs Burgen auch wirklich Heinrich.
Was eher auf einen starken Herrscher schließen lässt, ist ein geringer Anteil armer Menschen, ordentliche Hygiene und ein gewisses kulturelles Angebot. Übrigens: Die großen Feldherrn-Könige sind in aller Regel alles andere als gute Politiker gewesen, sondern stattdessen eher darauf aus gewesen, durch Krieg nach außen von inneren Problemen abzulenken. Nicht umsonst fallen die durch Feldzüge extrem schnell gewachsenen Reiche meist schnell wieder in sich zusammen. Die Reiche herausragender Eroberungskönige wie dem makedonischen Reich Alexander des Grossen oder Dschingis Khan krankten meist an mangelnder stabilisierender Infrastruktur, was daran liegt, dass man sich als Feldherr ungern um in der Tiefe der inneren Politik liegende Probleme kümmert, denn nur viel Zeit kann eine stabile und erprobte Infrastruktur schaffen. Meist war es einfach so, dass die ganze Logistik und die Infrastruktur eines Staates, der in zu kurzer Zeit zu groß wurde, einfach nicht mehr mitkam. Ein kleines Heer eines kleinen Staates ist logistisch weniger eine Herausforderung, doch hat ein Staat zehn Jahre später die zehnfache Soldatenmenge mit der zehnfachen Grenzlinie, zehnmal so vielen Gegnern und zehnmal so vielen Unterdrückten, die ja auch unterdrückt gehalten werden müssen, so überfordert das die Entwicklungsfähigkeiten jenes noch so gut organisierten Staates ähnlich offensichtlich wie der Aufbau dieses komplexen Satzes den Anonymen Christen. Das Problem lag dabei weniger in der Ausnahmesituation des Kriegszustandes, sondern darin, dass die Rückkehr in ein friedliches Leben nur bedingt möglich war, da sonst die Besiegten sofort wieder aufgemuckt hätten. Dschingis Khan mag hier nicht das beste Beispiel sein, denn seine Feldzüge endeten ganz einfach dadurch, dass er in die Innenpolitik gerufen wurde, doch sind Alexander der Grosse, das Frankenreich oder auch das römische Reich nach Augustus/Tiberian gute Beispiele hierfür. Hinzu kam, dass ständiges Kriegführen auch ständig erhöhte Ressourcen im Militär brauchte, was mittelfristig den Ruin eines jeden Staates bedeutete. Es gilt unter Militärhistorikern als guter Pi-mal-Daumen-Wert, zu sagen, dass eine Gesellschaft etwa zehn Prozent Soldaten vertragen kann, um noch einigermaßen zu funktionieren. Wer diese Grenze überschreitet, bekommt Probleme. Hierfür ist Karthago in der noch einigermaßen vernunftlastigen Variante ein genauso gutes Beispiel wie das dritte Reich oder Napoleons Frankreich in der Hirnlos-Variante. Bei Kaiser Shi Huang-Di, der die Chinesen 250 v. Chr. einigte, war das das Problem. Wenn fast alle waffenfähigen Männer Eroberungszüge statt Felderbewirtschaftung machen, hungert irgendwann das Volk. Oder nehmen wir Spanien und die anderen Kolonialmächte, auch, wenn hier kein genialer Feldherr zugange war, sondern Glück. Die Unabhängigkeit der Kolonien kam schnell, sobald der Unterdrückungsapparat nicht mehr genug Logistik bekam. Immerhin entstanden auf diese Weise die USA. Oft genug kam es auch vor, dass mit dem Tod des führenden Kopfes auch die Persönlichkeit fehlte, ein frisch geeinigtes Land zu halten. Streitigkeiten unter Nachfolgern sind zum Beispiel für die ganzen ansonsten so erfolgreichen Reitervölker (Hunnen, Mongolen, Mayaren, Türken) symptomatisch, und so zerbröselt schnell, was man mit so viel Mühe auf anderer Leute Leichen aufgebaut hatte. Es gibt, was diese Reitervölker angeht, auch die Theorie, dass sie alle irgendwann anfingen, die Gewohnheiten ihrer sesshaften neuen Untertanen anzunehmen, was sich mit ihrer Kampfkraft nicht vertrug, doch ist dies ist eine eher umstrittene Vermutung.
Wie der klügere Leser inzwischen gemerkt habe durfte, ist es durchaus nötig gewesen, ein gewisses Marketing zu betreiben, wollte man als König bestehen. Ohne Public Relations ist es selbst um gute Könige schlecht bestellt. Es gab überall Leute, die von Berufs wegen nichts anderes zu tun hatten, als gut über den König zu reden. Der erste, der auf solche Leute verzichtete, war Heinrich IV., und schon war er einer der unbeliebtesten Könige überhaupt, wozu allerdings nebenbei auch beigetragen haben mochte, dass er Richard Löwenherz entführte. Als Meister des Marketing galt Saladin, die Nemesis gleich mehrerer Kreuzzüge, ohne den die Muslimen heute ihre Sprösslinge zur Kinderkommunion schicken müssten. Auch die Herkunft der Könige wurde von PR-Leuten oft bis zu Julius Cäsar oder gar Jupiter zurückverfolgt, und die Tricks, die man dabei nutzte, begannen bei gefälschten Dokumenten und endeten bei der Vergewaltigung von Bibeltexten. Auch Portraits stellten Herrscher generell schöner dar als sie waren, und die Beschreibungen einiger Herrscher sind dermaßen übertrieben, dass der Anonyme Christ bei deren Lektüre den Eindruck hatte, die Texte seien von einer hellen Aura umgeben und Engelsstimmen würden aus dem Off trällern. Ach, ja, nicht zu vergessen war der Trick mit der Heiligsprechung. Wer was auf sich hielt, ließ sich Heiligsprechen. Karl der Große wurde von einem Gegenpapst und zwei von der Kirche Gebannten heilig gesprochen, was aber keinen kümmerte. Drei englische, zwei ungarische, ein russischer, ein norwegischer, ein französischer, ein dänischer, ein deutscher und ein spanischer König wurden noch zu Lebzeiten heilig gesprochen. Überhaupt ist das Verhältnis zum lieben Gott ein wichtiges PR-Thema, ebenso wie Anekdoten, die auf die Nettigkeit von Herrschern anspielten.

So soll Rudolf von Habsburg einen feindlichen Ritter nicht angegriffen haben, weil dieser gerade sein großes Geschäft erledigte und ein Angriff auf einen Ritter ohne Hosen unehrenhaft gewesen wäre. Das Ergebnis sei gewesen, dass jener Ritter fortan nie mehr Hosen trug. Sultan Nur ed-Din soll seiner Frau beschieden haben, er könne ihr Haushaltsgeld nicht erhöhen, weil das Geld ja eigentlich seinem Volk gehöre. Der Mongole Ogedei soll einen Mann begnadigt haben, weil er das Gesetz wegen eines in einen Fluss gefallenen Geldstücks übertreten hatte und es Ogedei leid tat, dass er solch arme Menschen im Volke habe, dass sie in einem Fluss nach dem Geld angeln mussten. Negativ-Propaganda wie die des Philipp des Schönen gegen die Templer verfehlte seine Wirkung ebenso wenig. Heutzutage ist es nicht anders: Insbesondere die letzten paar Wahlen in Deutschland hatten nicht mehr viel mit Parteiprogramm zu tun, sondern eher mit Marketing.
Zum Marketing, aber auch zur Erkennung überhaupt, war das Wappen eines Königs wichtig. Harald ist bis heute ein leidlich beliebter Name und bedeutet Herold, also einen Typen, der nicht nur auf Turnieren und in Städten irgendwas mit lauter Stimme proklamierte, sondern auch eine Art wandelndes Lexikon der Heraldik, also der Wappenkunde war - aber auch der Adelskunde generell. Herolde identifizierten auch Leichen auf Schlachfeldern, entschieden über Stammbaumfragen bei Adeligen und waren sogar des Lesens kundig, was sie schon mal per se zu den Brainbugs unter den Berufstätigen machte.
Die Heraldik beinhaltet bis heute auch die Kunst, Wappen korrekt zu beschreiben. Doch, geht alles, man muss nur wissen, wie. Die Herolde waren nicht umsonst hochgeachtete und hochgebildete Leute. Der Anonyme Christ hat einmal ein paar kleine Beispiele von Wappen zusammengestellt und wird sie nunmehr - soweit mit seinem flachbrüstigen Bildungsstand machbar - einigermaßen korrekt zu benennen versuchen. Auf die Farbbezeichnung wird er verzichten, doch sollte man zu den Wappenfarben wissen, dass es die Farben Gelb und Weiß in der Heraldik quasi nicht gibt, sie werden nur auf Tafeln so dargestellt, heißen aber Gold und Silber. Ok, dann mal los. Das erste Wappen oben links stellt ein doppelschwänziges Wappentier auf einem Sparren dar, das zweite (daneben) zeigt einen Pfahl, überlagert von einem gegitterten Schildfuß mit einem geknopften Fußspitzkreuz. Schild Nummer drei oben in der Mitte zeigt einen Doppeladler auf silbernem Grund, oben im Wellenschnitt bordiert. Das enorm hässliche vierte Wappen zeigt ein schwebendes gevierteltes Andreas-Ankerkreuz auf geschachtem Schild mit überlagernder erniedrigter Spitze, und das letzte in der oberen Reihe ist ein Endspitzkreuz auf schräglinks geteiltem Untergrund mit Schildrand. In der zweiten Reihe sehen wir zunächst einmal einen Ring auf geständertem Grund. Daneben erkennen wir einen Deichselschnitt mit russischem Kreuz im rechten Drittel, überdeckt von einem Freifeld mit einem Hufeisen links oben. Die Mitte der Mitte macht ein Wappen mit einem innenbordierten gekerbten Kreuz auf dreifach geteiltem Grund aus. Daneben sehen wir einen Hinweis, Damentoilette rechts entlang, am Ende der mittleren Reihe ist ein Wappen mit einem widersehenden Wappentier mit geknotetem Schwanz auf gepfähltem Schild. Die untere Reihe zeigt zunächst ein durch Eisenhutschnitt geteiltes Wappen, oberhalb mit schräg gestelltem Halbmond belegt, unterhalb mit anstoßendem Fadenkreuz, daneben einmal Lachsforelle mit Dill an Blattspinat, gekotzt, quergeschmiert, in der Mitte der unteren Reihe sieht man ein Wappen mit einer eingebogenen Spitze, belegt mit einem Stern, begleitet von zwei Mandeln und von geschweiften oberen Schrägecken. Als nächstes kommen Anker, Lilie und Kugel im Gäpelschnitt. Das letzte Wappen ist geviert quadriert, oberes linkes Viertel schräggeviert, oberes rechtes Viertel zu zwölf Plätzen geschachtet, unteres rechtes Viertel innenbordiert, unteres linkes Viertel rautiert, mit schwebendem Wiederkreuz im Schildherz.

Ein Wappenkönig ist übrigens kein König mit eigenem Wappen, sondern nichts anderes als der Chef der Herolde, also eben jener Leute bei Hofe, die sich mit Stammbäumen und eben auch mit Wappen auskannten. Sie hatten oft viele Vollmachten und großen Einfluss, waren sehr gebildet und des Schreibens mächtig, aber adelig waren sie nicht.

Natürlich zählten auch rühmende Beinamen zu den Marketing-Instrumenten der Herrschenden. Wobei: So ganz gelungen waren jene Beinamen auch nicht immer, bildeten sie sich doch oft genug ohne das Zutun der PR-Leute der Herrschenden. Hier einmal ein kleiner Ausflug in die Welt dümmlicher, negativ klingender oder zumindest seltsamer Beinamen: Ob der Beiname eines der vielen Karls, die Nachfolger Karls des Großen waren, nämlich “der Kahle” besonders rühmend war, mag man dahingestellt lassen, wobei der Herr nicht alleine stand mit seinem Problem, denn ein Boleslaw, ein Lambert und ein Balduin hatten irgendwann denselben Beinamen. “Karl der Dicke” könnte nach der kontroversen Meinung einiger führender Wissenschaftler etwas korpulent gewesen sein, ähnlich Florenz der Fette und Albrecht der Feiste. Es gibt eine ganze Batterie solcher Schwergewichte in der Europäischen Geschichte. Ludwig der Stammler oder aber Boleslaw Schiefmund waren auch nicht unbedingt mit charmanten Beinamen gesegnet, oder gar Albrecht der Verschwender. Besonders Karl der Einfältige deutet nicht gerade auf eine positive Meinung in der Bevölkerung hin, ebenso Karl der Faule oder Ludwig der Nichtstuer. Gottfried der Höckrige hatte einen Buckel, und Pippin der Bucklige war sicherlich genialer, als sein Beiname vermuten lässt. Auch Albrecht der Lahme ist erträglich, wenn man zugleich auch oft Albrecht der Weise genannt wird. Und in welchem familiären Verhältnis Lothar der Zwillingsbruder zu Ludwig dem Frommen stand, kann man bei angestrengtem Nachdenken sogar selbst herausfinden. Johann ohne Land oder Dietrich der Bedrängte bzw. Ethelred der Unberatene, der bereits als Baby bei der Taufe das Weihwasserbecken vollgepinkelt hatte, was ein böses Omen war, oder gar Friedrich mit der leeren Tasche sind ebenfalls Namen, die für Herrscher nicht direkt rühmlich sind. Auch in diese Richtung gehen Fabius Maximus der Zauderer (eher vordergründig negativ), Heinrich der Ohnmächtige und Harald Hasenfuß. Ganz und gar unschön sind Namen wie Albrecht der Unartige, den man auch Albrecht den Entarteten nannte, Demetrius der Falsche, Johann der Unechte, Heinrich der Impotente oder gar Balduin der Aussätzige. Natürlich gibt es auch viele Beinamen, die auf eine Gewisse, nun, sagen wir Unbeherrschtheit hindeuten, zum Beispiel Abul-Abbas der Blutige, Selim der Grausame, Friedrich der Streitbare (gibt’s gleich dreimal), Arnulf der Böse, Christian der ebenfalls Böse, Otto der Quade (heißt auch nix anderes), Basileios der Bulgarentöter, Johann der Königsmörder, Karl der Sachsenschlächter (so nannten seine Feinde Karl den Großen), Karl der Böse, Karl der Kriegerische, Ludwig der Zänker, Heinrich der Zänker, Boleslaw der Grausame, Ivan der Schreckliche, Robert der Teufel, Eirik Blutaxt, Harald Kriegszahn oder Maria die Blutige. Tja, und dann gibt es da natürlich noch ganz seltsame Namen, die oft mit irgendwelchen Anekdoten zu tun haben, wie zum Beispiel Friedrich der Gebissene, Heinrich Jasomirgott, Ulrich mit dem Daumen, Friedrich mit dem silbernen Bein, Gaius das Stiefelchen (Caligula), Hugo das Mäntelchen (Capet), Ludwig der Springer, Ragnar Lodenhose, Magnus Barfuss, Stephan der Eitle, Rudolf der Wecker, Johanna die Wahnsinnige und Karl der Wahnsinnige, Margarete Maultasch, Otto mit dem Pferdefuß, Otto mit dem Pfeil, Waldemar Atterdag (anderer Tag) oder Wladyslaw Dünnbein.

Manche Herrscher benahmen sich allerdings auch marketingtechnisch echt doof und vielen mehr durch Verschwendung auf als durch Volksnähe. Wobei gerade bei Louis XIV., der immer ein gutes Beispiel für Dekadenz im Irrsinnsmaß ist, die Verschwendung sozusagen im positiven Sinne zum Personenkult gehörte. So verschlang angeblich durch seine Hofhaltung auf Schloss Versailles jährlich fünf Prozent seines Staatshaushalts, sagt man, doch bewiesen ist dies nicht. Seine zweitägige Kaiserkrönung ließ sich Bokassa, Regierungsoberhaupt der zentralafrikanischen Republik, ein Drittel des Staatshaushalts kosten, während Joaquin Balaguer, Oberhaupt der dominikanischen Republik von 1966 bis 1996 n. Chr., zum 500. Jahrestag der Entdeckung der Insel durch Kolumbus einen Leuchtturm in Betrieb nahm, der die Stromversorgung beim Rest des Landes in die Knie zwang. Kim Il Tung aus Nordkorea hatte eine eigene Fahrspur auf allen großen Straßen, die nur er benutzen durfte. Sultan Abdul Aziz gab jährlich fünfzehn Prozent des Staatshaushalts für persönliche Belange aus, unter anderem für Klaviere, die er seinen Dienern auf den Rücken schnallte, um während seiner Reisen Musik machen zu können. Einige Investitionen waren sogar für seinen Staat, zum Beispiel die Lokomotiven. Äh, nur zum Verständnis: Nicht, das es im osmanischen Reich seinerzeit Schienen gegeben hätte… Na ja, jedenfalls durfte keiner seines Volkes Aziz heißen wie er. Aziz aber ist dort so häufig wie in Deutschland Schmidt. König Menelik II. von Abessinien bestellte drei elektrische Stühle, nur, um später zu bemerken, dass es ja bei ihm noch gar keinen Strom gab, was ja zum Betrieb eines elektrischen Stuhls eine nicht unerhebliche Voraussetzung ist. Tja, darum nahm Menelik II. halt ganz einfach einen der Stühle zu seinem Thron. König Ludwig II. baute wunderbare Burgen, bis er dann verzweifelt einen Gesandten losschickte, um sein Land Bayern meistbietend zu verkaufen. Ein weiteres Beispiel für absolute Weltfremdheit ist Queen Elisabeth II. von Großbritannien, die um die zweite Jahrtausendwende regierte, äh, repräsentierte. Sie gebot ihren Dienern, nur noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen, um die Umwelt zu schonen. Das Paradoxe: Ihre Majestät und ihre Verwandtschaft selbst bewegte sich selbst im eigenen Garten fast nur per Geländewagen, und ihre vielen Reisen, beileibe nicht alle dienstlich, tätigte die Queen auch fast ausschließlich per umweltvernichtendem Privatflugzeug. Und da soll der Anonyme Christ noch meckern, weil sein Chef sich einen Ledersessel gegönnt hat…?
Nun hat der Anonyme Christ ja schon eine Menge über Herren und Diener verzapft, und normalerweise ist es so, dass nicht ein Diener mehrere Herrn hatte, sondern ein Herr mehrere Diener. Es geht aber auch anders. Im alten Ägypten nämlich gab es ein System, dass der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben sollte. Dieses System sah vor, dass jeder Freie eine gewisse Anzahl von Stunden über einen Diener verfügen durfte. Das Ganze geschah über eine Art Stundenschlüssel, d.h. Haushalt A zahlt so und so viele Steuern und bekommt die staatlichen Diener so und so lange zur Verfügung gestellt, Haushalt B zahlt etwas weniger und bekommt auch weniger “Dienerzeit” zur Verfügung gestellt, usw. Und wo kamen die Diener her? Na klar: Statt Steuern konnte man auch mit Arbeitskraft zahlen, d. h. Haushalt A zahlte so und so viele Steuern weniger und musste dafür so und so viel arbeiten, und… na ja, die meisten Leser werden’s kapiert haben…
Der Anonyme Christ hatte bereits die Unfreien angesprochen, doch die Untersten der Unfreien waren natürlich die Sklaven. Sklaven waren weit verbreiteter, als man heute glauben mag. Sogar die, die sich im Monumentalfilm so gerne mit ihrem untrennbaren Verhältnis zur Freiheit brüsten, waren in Wirklichkeit selbst Sklavenhalter. Von wegen freier Mann mit stolzgeschwellter Brust! Die Wikinger beispielsweise, als freiheitsliebende Recken bekannt, hatten ein Drei-Stände-System, dass sie sogar für göttliche Fügung hielten. Der Gott Heimdall soll als Sterblicher namens Rig verkleidet am Anfang der Zeiten drei Familien besucht haben, eine gutgesittete gebildete Familie, eine Familie von kräftigen, handwerklich begabten Leuten und eine von rotztriefenden Schwitzsäcken und pockennarbigen Asi-Schlampen. Ungeachtet dieser Eigenschaften vögelte sich Heimdall fröhlich durch alle drei Familien und wurde so zum Stammvater der drei Stände, nämlich der Adeligen, der Arbeiter und der Sklaven. Fazit: Auch stolze Wikinger können Sklaven sein, können dann aber wenigstens von sich sagen, dass sie göttlicher Herkunft sind. Schwacher Trost.
Auch die ganzen ach wie naturbelassenen freien Wilden sind Sklavenhalter. Nachdem die Europäer ihre Vorstellungen über unbezahltes Arbeitnehmertum in Afrika, Nordamerika, Asien und Südamerika verbreitet hatten, war ja die Sklaverei sowieso ein recht gängiges Thema bei den betroffenen Naturvölkern dieser Kontinente, jedoch sollte man nicht meinen, dass Sklaverei zu dem Zeitpunkt etwas Neues war. Ganze Gesellschaftssysteme verschiedener afrikanischer Völker bauten schon lange vorher auf Sklaverei auf. Logisch: Hat man einen gegnerischen Stamm erobert, ist man erstmal der Boss, stellt also immer erstmal die oberen Schichten der Bevölkerung. Und irgendeiner muss ja dann auch die Unterschicht darstellen. Und je nachdem, wie drastisch die Unterdrückung ist - was oft davon abhängt, wie sehr sich die Gegner seinerzeit gegen die Eroberungen gewehrt haben - kommt es halt zur Sklaverei. Auch bei Naturvölkern.
Kurios, aber alles andere als lustig ist, dass der Sklavenhandel auch unter Völkern üblich werden konnte, die selbst Sklaven stellten. So ist die Vorstellung, dass ausländische Sklavenhändler unschuldige Dörfer überfallen und deren Bewohner versklaven, zwar nicht falsch und kam vor, aber den Hauptteil des Sklavenhandels hat man anders bestritten. Das Ironische am Sklavenschicksal war im Afrika der Kolonialzeit, dass die meisten Sklaven nicht von Ausländern, sondern von den eigenen Leuten versklavt wurden. So überfielen einheimische Verbrecher Dörfer und fingen die Dorfbewohner ein, oder Herrscher verkauften einfach ihre Untertanen, denn an sich ist Sklaverei auch in Afrika ja wie gesagt ein alter Hut. Dann nahmen sie den Leuten all ihre Habe inklusive der Kleider, die sie gerade trugen, und verschleppten die frischgebackenen Sklaven an die Küste. Dort trafen sie sich mit reichen Ausländern auf Schiffen. Die Sklaven erwartete ein grausames Schicksal, und oft wurde die Überfahrt nach Amerika schon zur Todesfalle, denn die Sklavenschiffe boten in etwa den Komfort eines Schweinetransporters (dies ist ausnahmsweise keine scherzhafte Übertreibung, sondern Tatsache). Dass es Einheimische sind, die ihre eigenen Nachbarn versklaven, ist auch heute oft noch so, speziell im Mädchenhandel mit dem Osten, wo die Profite im Menschenhandel inzwischen höher sind als die aus dem Drogenhandel.
Die Kirche verurteilt Sklaverei natürlich, aber im Gegensatz zu dem, was man sich eigentlich tief im Herzen zu glauben wünscht, nicht schon immer. Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert n. Chr. wurden in Genua, Venedig, Pisa und anderen Mittelmeerstädten in großem Stile Sklaven umgesetzt, vor allem Frauen aus der Krim. Die Kirche hatte ihren Hauptsitz immerhin in direkter Nachbarschaft zu jenen Städten, aber gesagt hat sie definitiv nichts. Sklavenhandel war seinerzeit nichts moralisch derart Verwerfliches wie heute, galt es doch als göttliche Ordnung, dass es Freie und Unfreie, Wohlhabende und arme Schlucker gab. Und wenn die Sklaven nicht mal Christen waren… nun, warum beschweren?
Die leuchtende Figur des Amerkanischen Bürgerkrieges gegen die Sklaverei ist der angeblich Sklaverei hassende Abraham Lincoln. Sklaverei hassend? Nun, der Anonyme Christ beliebt an dieser Stelle, eine Aussage Lincolns gegenüber dem New York Tribune ohne weiteren Kommentar wiederzugeben. Das reicht dem geisteskräftigen Leser zur Beurteilung: „Wenn ich die Union retten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien, würde ich es tun. Wenn ich sie retten könnte, indem ich alle Sklaven befreie, würde ich es tun. Und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige befreie und andere nicht, würde ich es ebenfalls tun.“
Nun ist die Sklaverei, oder sagen wir besser die legale Sklaverei, inzwischen ja bestimmt schon lange abgeschafft. Tja, wenn der Zeitraum von 1963 n. Chr. bis heute eine lange Zeit ist, dann ja. Aber in der Tat hat Saudi-Arabien erst 1963 n. Chr. die Sklaverei abgeschafft. Das heißt natürlich nicht, dass es Sklaverei jetzt nicht mehr gibt, denn illegal wird sie immer noch betrieben. Die Dunkelziffer ist hoch. Höher, als man vielleicht glaubt.
Es bleibt dabei, dass auch heute der Wohlstand dieser Welt noch lange nicht so verteilt ist, wie man es als gerecht bezeichnen würde. Viele haben nix, wenige haben alles. Der Anonyme Christ hat da eine interessante Quelle gelesen, in dem ein Dorf von 100 Leuten dargestellt wurde, dass genau dem Durchschnitt der Weltbevölkerung entspricht. In diesem Dorf wären 57 Leute Asiaten, 21 Europäer, 14 Amerikaner und Afrikaner, insgesamt 52 Frauen und 48 Männer, wobei sich ganze elf zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten. Dreißig der Leute hätten eine weiße Hautfarbe und dreißig wären Christen und dreißig hätten Strom. Nur zwanzig hätten Zugang zu moderner medizinischer Versorgung. Sechs Personen besäßen fast sechzig Prozent des Reichtums und kämen übrigens alle aus den USA, dabei ein Viertel der Energie aller verbrauchend. Dafür lebten achtzig in maroden Häusern und siebzig könnten nicht lesen. Die Hälfte der Leute wäre unterernährt. Einer hätte einen PC und einer einen Uni-Abschluss. Ein Dutzend Leute hätten schon mal eine Schlacht, Gefangenschaft, Folterung oder Hungersnot erlebt. Etwa die Hälfte könnte ihre Religion nicht frei ausüben. Mit Kühlschrank, Kleidern, einem Dach über dem Kopf und einem Schlafplatz wären ein Viertel dieser Leute ausgerüstet, mit Geld auf der Bank nur acht. Das Weltdorf wäre gerade dabei, zu wachsen, allerdings nicht so stark, wie Bevölkerungswachstums-Hysteriker uns glauben machen wollten, vor allem, weil außer den durchschnittlich vier Afrikanerinnen im Dorf alle guten Zugang zu Verhütungsmittel hätten, denn durch einen guten Zugang zu Verhütungsmitteln nimmt die Kinderzahl pro Frau meist um drei Stück ab, und genau dieser Zugang ist in den letzten Jahren in fast allen Entwicklungsländern hergestellt worden, nur Afrika muss noch nachziehen. Der Anonyme Christ muss allerdings anmerken, dass die Quelle, der er diese Infos entnahm, sich teils widerspricht, somit ist das hier Geschriebene mit Vorsicht zu genießen. So spricht eine Quelle an anderer Stelle von 2.000.000.000 Analphabeten auf der Welt, was bei 6.000.000.000 Leuten Weltbevölkerung nicht den angegebenen siebzig, sondern nur 33 Prozent entspräche, was der Anonyme Christ aber für extrem wenig hielte. Außerdem erscheint es dem Anonymen Christen unglaubwürdig, dass achtzig Leute in maroden Häusern leben sollen, aber 25 einen Kühlschrank besitzen sollen. Und weiter: Wenn mindestens sechs Leute, nämlich die Reichsten, aus den USA kommen würden, heißt das, dass die USA mehr als sechs Prozent der Weltbevölkerung stellen würden. Die Abdeckung mit PCs aber in den USA liegt bei weit über zwei Drittel, was alleine schon der These widersprechen würde, dass nur einer von hundert einen PC hat. Auch der Anteil der Homosexuellen erscheint dem Anonymen Christen gefühlsmäßig recht hoch, auch, wenn ihm die Handhabe zu einer sachlichen Widerlegung fehlt. Fazit: Der Anonyme Christ hat die Zahlen mal niedergeschrieben, weil sie halt wirklich interessant sind, warnt aber ausdrücklich vor der unsicheren Quelle der Angaben.

Es ist aber auch alles sehr schwer ordentlich abzugrenzen, wer wann zu welcher Kultur gehört. Kultur ist aller Wesen König, heißt es, und doch ist sie in Gänze schwer zu definieren. Alleine schon die Abgrenzung zwischen unterschiedlichen Kulturen ist schwer. Beispiel gefällig? Klar, kein Problem: Der Begriff des Barbaren ist ein solches Abgrenzungsproblem. Wer ist Barbar? Ist es ein Angehöriger eines bestimmten Volkes? Eines Stammes? Einer Region? Eine besondere Bevölkerungsgruppe? Nein, ist er nicht. “Barbar” war der Name der alten der Römer für alle Leute, deren Sprache sie nicht verstanden. Übrigens heißt “Barbar” zu deutsch soviel wie “Blabla”, denn genauso klang die ausländische Sprache für Römer. Die Griechen nannten die Barbaren übrigens Warwari, wie der Leser dieser Website Imre wusste. Übrigens leitet sich daraus die Bezeichnung Berber im heutigen Lybien ab. Die nannten sich selbst aber Imasiren, schließlich verstanden sie, was sie sagten, so Imre.
Andere Bevölkerungsgruppen wurden von der Nachwelt oder den Nachbarn auch nach bestimmten Eigenschaften oder kulturellen Eigenheiten benannt. So war es schon immer und überall. So nennt man nicht umsonst die Vorfahren der Kelten nach einer ihrer Haupteigenschaften, den Beerdigungsbräuchen, die „westliche Urnenfeldkultur“. Einen der fünf Urstämme der Indianer nannte man nicht umsonst die Basketmaker. Die Indianer selbst machten das auch so. So nannten die Pueblos die Apachen wörtlich übersetzt „die, die uns immer angreifen“. Und die Römer nannten die Germanen Germanen, weil sie eine gewisse Vorliebe für Speere hatten (Ger = der Speer, Gernod = der keinen Speer zur Hand hat, Gerhard = die Potenzbombe, Germane = Mann mit Speer.), so schrieb der Leser dieser Website Slash.
In der Tat war der Speer den Germanen sehr wichtig. Das sieht man alleine schon daran, dass sie viele Symboliken und Rituale um den Speer rankten. Auch bei den Wikingern war der Speer eine wichtige Waffe, besaß doch auch der große oberste Gott Odin einen mächtigen Speer. So warfen die Wikinger immer den ersten Speer in der Schlacht möglichst weit über die Gegner. Warum? Nun, sie wollten dadurch erreichen, dass die beste Eigenschaft von Odins Speer Gungnir auf ihre Speere überging, nämlich die Unfehlbarkeit. Moment mal, wird nun der vernunftbegabte Leser einwenden, nur, weil man den Segen eines Gottes erhofft, heißt das doch noch lange nicht, dass man dadurch auch wirklich besser trifft. Stimmt, aber wenn eine Kultur bestimmte Rituale mit einer bestimmten Waffenart vollzieht, bedeutet das, dass diese Waffenart wohl eine hohe Bedeutung in eben jener Kultur hat. Das wiederum ist ein recht untrüglicher Hinweis, dass dieses Volk sich auf diese Waffe spezialisiert hat und sie dementsprechend gut beherrscht, wie in unserem Fall die Wikinger auf den Speer.
Nun sollte man diese Äußerung des Anonymen Christen nicht zu eng sehen. Was für ein Einzelritual gilt, gilt nämlich noch lange nicht für ein ganzes Lebensfeld. Ein Volk beispielsweise, das nicht nur einen Moment, sondern den ganzen Kampf oder Krieg stark ritualisiert hat, ist nämlich deshalb kein umso furchtbarerer Gegner. Rituale macht man nur für Dinge, die wichtig sind, und ist einem Volk der Krieg wichtig, so wird es sicherlich auch gut kämpfen, mag man in Anlehnung an die bisherigen Ausführungen des Anonymen Christen denken. Doch das Ganze hat einen Haken. Es funktioniert nur, wenn es sich um Rituale handelt, die nicht davon abhängig sind, dass der Gegner sie auch befolgt. Wenn der Reiterführer unmittelbar vor dem Sturm die vorderste Linie entlang galoppiert, um seinen Soldaten Mut zu machen, wenn die Wikinger den ersten Speer weit über den Gegner hinauswerfen, um Odins Segen zu erbitten, wenn vor dem Sturm ein Schlachtlied oder -ruf gegrölt wird, dann sind dies einseitige Rituale, die ohne Zutun des Gegners abgehen und die Moral heben. Die ausgeprägtesten Rituale aber sind solche, bei denen sich beide Gegner daran halten müssen. Da wäre als einfachstes Beispiel der Zweikampf: Bei den Kelten, den alten Mesopotamiern, den Yanomami und anderen war bzw. ist es üblich, dass vor der Schlacht die besten Kämpfer gegeneinander im Zweikampf antraten bzw. antreten, auch dies oft wieder nach ganz bestimmten Regeln. Bei den Maring ist es üblich, zunächst nur aus einem bestimmten Abstand mit dem Bogen aufeinander zu schießen oder Speere aufeinander zu werfen, und bei den Zulu war es üblich, nach der Tötung eines Gegners sofort an den Rand der Schlacht zu gehen und ein Reinigungsritual durchzuführen. Die späten Samurai und die Kreuzritter kämpften mit dem Schwert und verbannten Schusswaffen, die späten Mamelucken und die Comanchen schossen mit Pfeil und Bogen und verachteten Feuerwaffen aus ihrer eigenen Ethik heraus, und die ollen Ägypter, vor allem aber die Azteken im so genannten Blütenkrieg hatten Dutzende von Regeln eingebaut. All diese Rituale haben aber zwei Dinge gemeinsam, nämlich erstens, dass sie eher deeskalierend wirkten, also vielleicht sogar eine richtig üble Schlacht vermieden, und zweitens, dass sich beide Parteien daran halten mussten, damit es funktionierte. Und genau das war nicht immer der Fall: Als die Kelten den Römern begegneten, hielten diese nichts von Zweikämpfen, sondern marschierten durch. Wurden die sesshaften Mesopotamier von Reitervölkern bestürmt, so hielten sich die Reitervölker, deren Trumpf ja ihre Schnelligkeit war, nicht an Ritualen auf. Würde jemand die Yanomami angreifen, so würde er sich heutzutage nicht auf den üblichen Zweikampf im Brustschlagen einlassen, sondern dem Gegner schlichtweg die Fresse wegschießen. Würde man mit Langschilden einem Maring-Stamm gegenübertreten und auf diesen zustürmen, wäre er aufgeschmissen, und dass die Zulu sich so lange gegen die Engländer halten konnten, war unter anderem darauf zurückzuführen, dass Häuptling Tschaka seinen Leuten eben jene Rituale abgewöhnen konnte, die sonst sehr viel schneller den Ruin gekostet hätten. Die Samurai und die Ritter, die durch Ehrencodices ihren Status im Land konservierten, obwohl sie selbst bereits längst ihr Verfallsdatum überschritten hatten, wurden von den Besatzern mit den verpönten Feuerwaffen niedergeschossen bzw. den Kreuzrittern machte man mit ebenso verpönten Hinterhalten den Garaus. Als man die Mamelucken ebenso wie am anderen Ende der Welt die Comanchen wie Schießbudenfiguren von den Pferden feuerte, waren all die tollen Rituale für’n Arsch, und wie die Ägypter von den Reitervölkern überrannt wurden, wurde nur noch übertroffen vom bemitleidenswerten aztekischen Blütenkrieg, den man gegen gerüstete spanische Gegner mit Feuerwaffen führen wollte, die keinerlei Ritual anerkannten. Fazit also: Viele Rituale vermindern die Heftigkeit und Brutalität einer Schlacht, aber wer NUR auf solche Weise gekämpft hat, hat Probleme, wenn er jemandem gegenübersteht, der plötzlich ernst macht. Wer sich nun an das typische Film-Beispiel erinnert fühlt, in dem sich der Chinese vor dem Kampf verbeugt und der Europäer ihm statt einer Verbeugung  einfach die Stiefelspitze in die Visage packt, liegt genau richtig: Exakt das meint der Anonyme Christ hier.
Auch dies Kelten haben Rituale gehabt, um die Schlacht zu verhindern oder zu deeskalieren. Diese Kelten sind nichts anderes als eine Bevölkerungsgruppe, die es heute nur noch in Irland und Schottland gibt, aber die einst Europa beherrschten, im Grunde vor den Römern und den Germanen. Dennoch sind sie kulturell ganz anders gewesen, als man sie sich heute vorstellt. Interessanterweise zucken in Mantel- und Degenfilmen immer alle zusammen, wenn irgendjemand sagt: “Jetzt reicht’s, ich hole die Kelten!”. Wahrscheinlich würden sie weniger zusammenzucken, wenn sie wüssten, dass in der ersten Schlachtreihe bei den Kelten nicht blutrünstige Berserker standen, sondern Barden. Diese lieferten sich mit den jeweils gegnerischen Barden eine Art Rededuell, ähnlich einem Schlichtungsverfahren beim Anwalt. Erst, wenn hier nichts entschieden werden konnte, ging man zum Angriff über. Und dass dies dann umso wilder zuging, ist irgendwo klar, denn eine Schlacht ist nun einmal eine Schlacht und kein Diskussionsplenum mehr.
Der Leser dieser Website Theryn stimmte dem Anonymen Christen zwar im Großen und Ganzen zu, relativierte aber wie folgt: „Sicherlich hat der Anonyme Christ recht, wenn er der Kelten besondere Verbindung zur Musik darstellt, und mit Sicherheit ist dieser Beitrag nicht verkehrt. Dennoch waren die Kelten generell berühmt für ihre Leidenschaft, die sie in vielen Dingen des Lebens an den Tag legten. So auch im Kampf. Ähnlich wie die Germanen waren auch die Kelten bei den Römern - die sie im übrigen Gallier nannten - wegen ihrer wilden, zügellosen Art gefürchtet, hatten doch viele der ebenfalls groß gewachsenen Kelten den Hang zum unbekleideten Kampf, wie auch ein paar germanische Stämme. Von daher lässt sich das Bild eines brutalen, flegelhaften Barbaren oberflächlich betrachtet sehr wohl auf Kelten übertragen. Nun, Theryn, dem hat der Anonyme Christ nichts hinzuzufügen.
Die Eskimos machten es übrigens ähnlich wie die Kelten. Nun wird der ofengewärme Leser zusammenzucken und fragen: Was, die kämpfen auch nackt? Nein, natürlich nicht, aber auch bei den Eskimos spotten die Gegner einander zu Trommelwirbeln und tauschen satirische Beschimpfungen aus, wonach dann das Publikum den Sieger durch Applaus entscheidet.
Ob auch der geschätzte Leser Applaus spenden würde nach der Lektüre dieses doch sehr zusammengewürfelten Kapitels, bleibt ihm überlassen, doch mit vielen der Informationen aus diesem Kapitel kann man aus den Kapiteln über die Ereignisgeschichte ein bisschen mehr herausholen.

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